Boma ye

keinthema Für A.

Es ist früher Sonntagmorgen, und in der ARD wird gerade ein Boxkampf übertragen, ich habe kurz hineingeschaut, zwei Kneipenschläger, die aufeinander einprügeln; – und erinnere mich, wie ich früher aufgestanden bin, um die Boxkämpfe Muhammad Alis anzuschauen, sie wurden mitten in der Nacht oder am frühen Morgen live übertragen. Besonders erinnere ich mich an den legendären Kampf Alis 1974 in Kinshasa, dem damaligen Belgisch Kongo und heutigen Zaire, gegen George Foreman, ich war damals zwölf Jahre alt und habe aus dem Kampf mehr gelernt als aus manchem Buch…

Muhammad Ali war sein Weltmeistertitel 1967 aberkannt worden, weil er sich geweigert hatte, im Vietnamkrieg zu kämpfen („Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherrn über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen…“), damals gab es in den USA kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Seit 1970 durfte er wieder boxen und erwarb sich in dieser Zeit mühselig das Recht auf eine Herausforderung des amtierenden Weltmeisters George Foreman, der in vierzig Kämpfen als Profiboxer unbesiegt geblieben war, 37 Kämpfe davon hatte er durch K.O.-Siege gewonnen. Allgemein wurde in Fachkreisen erwartet, dass Ali den Kampf verlieren würde und seine Karriere anschließend beenden werde.

Es war das erste sportliche Großereignis, das in Afrika stattfand, es gab ein musikalisches Rahmenprogramm, bei dem u.a. James Brown auftrat, der Kampf selbst fand vor über 100.000 Zuschauern in einem Stadion und Millionen Fernsehzuschauern weltweit statt. Im Vorfeld des Kampfes hatte Muhammad Ali die Sympathie der Bevölkerung gewinnen können, ohnehin genoss er hohes Ansehen in der schwarzen Bevölkerung weltweit, da er sich mehrfach während seiner Karriere gegen Rassendiskriminierung engagiert hatte. („Heute lege ich den Niggernamem Cassius Clay ab…“). Foreman dagegen trat in weißen Anzügen und mit Schäferhunden auf, er erinnerte das Publikum insgesamt durch sein arrogantes Auftreten an die ehemaligen belgischen Kolonialherren. So intonierte das Publikum während des Kampfes „Ali, bomay“ („Ali, töte ihn“).

Während des Kampfes selbst stellte sich schnell heraus, dass Ali mit seiner üblichen Strategie, den Gegner durch eine weit überlegene Technik und Schnelligkeit zu besiegen, gegen den zudem viel jüngeren und stärkeren Foreman keine Chance haben würde. Gegen Mitte der zweiten Runde änderte Ali seine Taktik und führte einen reinen Verteidigungskampf, indem er sich in die zu schwach gespannten Ringseile lehnte und so deren Federung nutze, so dass Foreman keine Kopftreffer anbringen konnte, und den Oberkörper schütze Ali mit seinen Armen und Fäusten. Diese Taktik ging als „rope-a-dope“ in die Boxgeschichte ein. Während Foreman immer wütender auf Ali einprügelte, wurde er zudem von diesem beschimpft. Foreman baute schließlich konditionell immer mehr ab, und Ali konnte zunehmend aus seiner Deckung kontern. Gegen Ende der achten Runde schlug Ali den völlig erschöpften Foreman mit zwei Kombinationen und neun schnellen Kopftreffern hintereinander k.o. Ich erinnere mich noch wie heute daran, dass ich in diesem Moment unglaublich glücklich war, den ganzen Kampf über hatte man völlig entsetzt zuschauen müssen, wie diese Legende Muhammad Ali scheinbar von diesem Primitivling Foreman verprügelt wurde, ich erinnere mich sogar, dass ich geweint habe nach seinem Sieg.

Als Kinder haben wir den Kampf am nächsten Tag nachgeboxt sozusagen, ohne Boxhandschuhe, aber man schlug natürlich auch nicht mit voller Energie zu. Und im Laufe meines Lebens habe ich oft an diesen Kampf gedacht, wenn ich einer Situation oder einem Gegner ausgeliefert war, die ich mit meinen normalen Mitteln nicht bezwingen oder lösen konnte. Schauen, wie die Ringseile gespannt sind, und den Gegner müde werden lassen, ein paar Schläge einstecken, ohne Kopftreffer zu kassieren, und immer wieder versuchen, durch Konter zu demoralisieren. Das hat mir besonders in Krisen geholfen, in die ich durch ausgesprochen emotional agierende Menschen geraten bin, einmal abzuwarten, ob sie nicht müde werden…

„ Last night I cut the light off in my bedroom, hit the switch and was in bed before the room was dark.” , hat Ali vor dem Kampf über seine Schnelligkeit behauptet, und Foreman hat Jahre später in einem Interview gesagt: Hätte ich ihm das bloß geglaubt damals… Ich wünsche Ihnen, dass Sie in scheinbar ausweglosen Situationen die Intelligenz und den Mut haben werden, einfach auszunutzen, dass die Seile zu schwach gespannt sind und die Kondition ihrer Gegner nur für fünf Runden ausreichen wird am Schluss. Für heute wünsche ich Ihnen einen Tag ohne Kampf und also:

Einen guten Tag.