Christiania
Kolumne bei KeinVerlag
Kürzlich hat eine junge, sehr kluge Kollegin im Jugendforum über das große Haupttreffen von KV.de geschrieben: „…ja, und dann kommt noch die mitgliederversammlung, alle wissen vorher, was beschlossen wird und wie sie ablaufen wird, und es ist sehr langweilig, aber es geht vorbei,…“, ebenso wie diese furchtbare Kleinschreibung, die sich manche aus Rücksichtslosigkeit gegen jeden Leser angewöhnt haben, so hoffe ich, - übrigens.
Und, übrigens, hat sie Recht? Nun ja, es wird eine Tagesordnung geben, so ist kein sehr überraschender Verlauf zu erwarten, natürlich gibt es Themen zur freien Diskussion, aber auch da wird es keine unerhörten Neuigkeiten zu hören oder zu sehen geben, eine allgemeine Revolution ohnehin nicht, es wird abgenickt werden, was der Vorstand vorschlagen wird, wie überall eben: in Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, anderen Vereinen. Man nickt.
Eigentlich ist es immer mein Wunsch gewesen, einer Gemeinschaft anzugehören, die überhaupt keine Regierung, keine Verwaltung, keinen Vorstand braucht, eine Gemeinschaft, in der jeder verantwortungsvoll, intelligent und gut informiert die Entscheidungen der Gesellschaft selbst treffen könnte, ein Einzelner im Interesse der Gemeinschaft, da jeder diese Entscheidungen trifft, sind Einzelentscheidungen nicht nötig, man nennt das Anarchie, Kommunismus, wie auch immer: eine solche Gesellschaft gab es noch nicht, deshalb gibt es Namen auch nur für die verschiedenen Ideologien: nur Namen. Christiania, ja, ich weiß, ich weiß aber auch, was daraus wurde. Und die Entscheidungen für die Gemeinschaft sind immer die besten für den Einzelnen selbst. Das setzt eine gewisse Disposition bei den Mitgliedern der Gesellschaft voraus, ich habe einige Eigenschaften genannt, meist scheitert es an diesen Dispositionen, der Egoismus ist stärker, die Lethargie, oder: woran mag es liegen? Je nachdem, ob man Zyniker oder Romantiker ist, hat jeder schon seine eigene Antwort gefunden.
Leider ist es nun einmal so, dass eine Gemeinschaft von den einzelnen Mitgliedern lebt, sie ist die Summe der einzelnen Mitglieder, so auch die Summe derer Interessen, Meinungen, Fähigkeiten, und eine Gesellschaft, die keinerlei Impulse aus sich selbst erhält, wird über kurz oder lang untergehen, die Geschichte hat das gezeigt.
Jetzt sehe ich einige wieder nicken, es müsste mehr Mitarbeit geben, und ich habe schon wieder keine Lust mehr auf dieses Nicken, keine Lust mehr auf das Thema dieser Kolumne; - es ist alles so langweilig, aber es geht vorbei, da hast Du Recht, meine Freundin, nur: schreibe in Zukunft bitte nicht mehr alles klein, was groß geschrieben werden sollte.
Guten Tag.
