Zweidrittelmehrheit
von A.J.
Zwei sind besser als einer, hat meine Mutter immer gesagt, und deshalb hat sie auch immer zwei von jeder Sorte Joghurt gekauft. Einer, meinte sie, ist nur dann ein ganzer, wenn ein zweiter dabei ist. Ansonsten ist er kein echter ganzer, sondern nur ein halber.
Deswegen, hat sie mir erklärt, ist sie auch immer so traurig und weiß gar nicht was sie tut, seit Vater weg ist. Denn seitdem ist sie ja nur noch halb, also auch nur noch halb sie selbst, und da wird man schonmal ein bisschen verrückt. Ich soll gut aufpassen, hat sie gesagt, dass ich bald einen zweiten finde, und dass der dann auch bei mir bleibt, denn sie möchte ja nicht, dass es mir einmal so gehen muss wie ihr.
Bis jetzt hatte ich immer das Gefühl, dass es nicht so schlimm ist, dass ich nur ein Halber bin, denn Mutter war ja da. Mutter war kein richtiger Zweiter für mich, sie hat mir das erklärt, aber ich habe es nicht ganz verstanden. Für mich war sie immer mein Zweiter, zumindest ein halber Zweiter. Ich war vielleicht nicht ganz, wenn stimmte was Mutter sagte, aber zumindest zweidrittel, vielleicht sogar dreiviertel. Immerhin!
Aber nun ist Mutter nicht mehr da. Jetzt bin ich nur noch ich, nur noch ein Halber, ein echter Halber.
Ich löffle meinen ersten Joghurt, Vanille mit Kirsch, der zweite steht schon auf dem Tisch und wartet auf mich. Die Joghurts haben es gut, sie sind zu zweit, sie sind ganz, ihnen fehlt nichts, so wie mir. Mir fehlt meine Mutter.
Mutter hat immer alles gemacht, sie hat gesagt, was soll ich mich bemühen; solange sie da ist, macht sie das schon. Sie hat auch immer den Joghurt gekauft, das muss ich jetzt selber machen. Beim ersten Mal wusste ich gar nicht, welcher der richtige ist, welchen ich nehmen soll. Mutter hatte immer bestimmte Sorten, ich habe vermutlich die falschen gekauft, aber das ist sicher nicht sos chlimm, solange es immer zwei von der selben Sorte sind. Keiner sollte allein sein müssen, meinte Mutter, nicht einmal der Joghurt. Man kann da ja nicht jedem helfen, aber man kann zwei Joghurts von der selben Sorte kaufen und zwei Goldfische anstatt einem, das kann man, und das sollte man dann auch tun.
Mutter war eine liebe Frau, haben die Nachbarn gesagt, als sie gestorben ist, sie war ja so lieb, sie wollte immer allen etwas gutes tun, nur dass sie dann irgendwann vergessen hat, sich selber mal etwas gutes zu tun. Ich verstehe das nicht ganz, wie sollte sie sich denn überhaupt noch etwas gutes tun können, wenn sie nur noch halb sie selbst war, vielleicht hat sie es ja sogar versucht, aber da kann ja nichts ankommen, wenn man nicht mehr ganz ist, es läuft ja wieder aus, und bleibt nicht da, wo es bleiben sollte. Also hat sie nichts an sich selbst verschwendet, weil es ja sowieso wieder auslief, sondern hat es lieber den anderen gegeben, wo sie wusste, dass es noch etwas hilft.
Vielleicht hat sie auch deswegen immer so viel getrunken aus den Flaschen im Schränkchen, dem Schränkchen mit den Glasscheiben und dem silbernen Schlüssel, mit dem sie immer sorgfältig abschloss. Vielleicht hat sie deswegen immer so viel davon trinken müssen, weil es sofort wieder rausgeflossen ist, so wie das gute, das sie sich selbst tun wollte.
Ja, sie war eine liebe Frau, haben die Nachbarn beim begräbnis gesagt, und einige haben geweint. ich habe mich gefragt, warum, denn es ist ja nciht ihr Problem, sie sind ja nicht alleine jetzt, nicht nur einer, wie ich es jetzt bin, sondern sie sind fast alle noch zu zweit, ich kenn sie doch, oder zumindest zweidrittel oder dreiviertel. Wenn man zweidrittel ist, braucht man doch nicht zu weinen.
Ich stelle den vollen Joghurtbecher in den nun leeren ersten, so sind sie ganz nah beieinander, während ich den zweiten leer esse.
Seit Mutter nicht mehr da ist, amche ich alles alleine, ich kaufe nicht nur den Joghurt, sondern mache auch die Betten nach dem aufstehen, ich mache die Wohnung sauber, und manchmal gehe ich aufs Amt, das hat mir ein netter Herr erklärt, nachdem Mutter gestorben ist, er hat mir alles erklärt, was man so macht, wenn man nur noch ein Halber ist, denn als Halber muss man alles ganz alleine machen.
Ich habe mich gefragt, ob der nette Herr vom Amt auch ein Halber ist. Er hatte keinen Ring am Finger, Mutter hat immer gesagt man muss gucken ob ein Ring am Finger ist, denn dann hat derjenige schon einen zweiten, und kommt nicht mehr in Frage. Aber der vom Amt hat keinen Ring. Trotzdem sah er nicht aus wie ein Halber, wenn er ein Halber ist, dann ein besonderer, einer, bei dem man es nicht merkt. Vielleicht macht es ihm ja gar nichs aus, ein Halber zu sein, und man merkt es deswegen nicht. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, nur einer zu sein, und nicht zwei, wie Mutter es immer gesagt hat. Eigentlich finde ich es auch gar nicht schlimm, wie es jetzt ist. Mutter fehlt mir, und ich bin jetzt alleine, aber obwohl ich alleine bin, fühle ich mich gar nicht, als wäre ich bloß halb. Ich bin alleine, aber ich bin noch genauso wie vorher, immer noch ich. Immer noch zweidrittel, mindestens, obwohl Mutter doch gesagt hat, dass das gar nicht sein kann, jetzt ja erst recht nicht mehr.
Mutter würde das bestimmt nicht verstehen, sie würde sagen, dass ich nur wieder Unsinn rede, dass sie die Erwachsene ist, und deshalb recht hat. Aber Mutter ist nicht mehr hier, und der Herr vom Amt hat gesagt, dass ich doch ein erwachsener Mensch bin, und deshalb die Sachen jetzt alleine machen muss. Er hat gesagt, dass ich das kann. Dabei hat Mutter doch immer gesagt, dass ich das besser ihr überlasse, das kochen und das einkaufen und das putzen, sie hat gesagt dass ich das nicht machen muss, aber ich glaube fast, dass sie geglaubt hat, dass ich es nicht kann, und ich es deswegen nicht durfte.
Ja, Mutter war eine liebe Frau, sie wollte mir immer alles abnehmen, sie hat immer den Kopf schief gelegt und ihr lass mich das doch machen Lächeln gelächelt, wenn ich ihr etwas helfen wollte.
Aber jetzt mache ich die Sachen alle alleine, obwohl sie immer gedacht hat, dass ich es nicht kann. Ich kann es aber doch, vielleicht habe ich mich geirrt, dass sie dachte ich kann es nicht, vielleicht wollte sie wirklich nur lieb sein und es mir abnehmen. Aber vielleicht dachte sie doch, ich kann es nicht, und hat sich geirrt, sie hat sich geirrt, man sieht es ja, der Herr vom Amt hatte recht, und Mutter unrecht, ich kann es ganz alleine, man sieht es doch.
Und wenn sich Mutter damit geirrt hat, vielleicht hat sie sich auch damit geirrt, dass zwei immer besser sind als einer. Damit, dass einer alleine gar kein ganzer ist, sondern nur ein halber. Damit, dass sie so traurig sein musste, weil Vater weggegangen ist. Vielleicht hätte sie gar nicht traurig sein müssen, weil sie gar nicht halb war weil er weggegangen war, sondern weil sie dachte dass sie halb war, weil sie vergessen hatte, dass man auch wenn man alleine war, und nicht zwei, ganz sein konnte.
Zwei sind vielleicht wirklich nicht immer besser als einer, vielleicht kann auch einer alleine gut sein.
Vielleicht wäre es Mutter ja auch besser gegangen, wenn sie nicht immer zwei Joghurts von jeder Sorte gegessen, und zwei Gläser von jeder der Flaschen aus dem Schränkchen getrunken hätte.
Vielleicht bin ich kein halber, vielleicht bin ich genauso ganz wie ich mich fühle. Ich möchte auch gar keinen zweiten, ich finde es gut wie es ist, ein zweiter wäre ja ein Fremder, und ich mag keine Fremden. Mutter war ein guter zweiter, vielleicht gibt es sogar noch bessere als Mutter, vielleicht hätte ich sogar gern einen solchen zweiten. Aber ich brauche ihn nicht, nicht so wie Mutter ihn gebraucht hat. Sie hat nicht verstanden, dass man auch alleine ein ganzer sein kann, dass einer einer ist und einer bleibt, und kein halber. Manchmal sind zwei vielleicht besser, aber deswegen ist einer nicht schlechter.
Wenn der Herr vom Amt wirklich ein halber ist, wie Mütter ihn nennen würde, dann hat sie sich geirrt. Dann bin ich nicht halb, dann bin ich ganz, genauso wie er. Das nächste mal auf dem Amt werde ich ihn fragen, ob er alleine ist. Aber er hat ja keinen Ring, also muss er alleine sein. Ich werde ihn fragen beim nächsten mal, und wenn er sagt dass er nur einer alleine ist, dann habe ich recht, dann ist es nicht schlimm nur einer zu sein, nicht so schlimm wie Mutter immer erzählt hat.
Dann bin ich nicht halb, und auch nicht zweidrittel, dann bin ich ganz, dann ist alles gut.
Und vielleicht gehe ich dann in den Laden, und kaufe Joghurt, von jeder Sorte nur einen, und probiere, ob das anders ist.
