Das Haus des Lehrers

von Kindermund

Heute ist es ein leerer Platz. Das neue Feuerwehrhäuschen soll da hin kommen, aber jetzt ist schon ein Jahr vergangen, aber nichts passiert. Vorher stand hier ein Haus, ein relativ neues. Die anderen leeren Häuser bei uns sind alle schrecklich herunter gekommen und so morsch, dass es immer eine Mutprobe war, als erstes in die Obergeschosse zu gehen.
Aber in dem Haus sind das Elektrogeschäft und ein Filmverleih gewesen. Die sind dann umgezogen nach gegenüber und das Haus stand ganz leer. Auf der Vorderseite konnte man nicht einmal durch die Fenster sehen, da standen Sperrholzplatten. Nur im oberen Geschoss konnte man manchmal bei gutem Licht durch die Gardinen die Decke sehen, von der sich die Tapete abschälte. Da oben hatte jemand gewohnt, denn ein Laden war da nie gewesen.

Wir spielten gerne in dem zerfallenen Haus direkt daneben. Vorsichtig schlichen wir über den Dachboden. Erstens durfte uns niemand sehen und zweitens hatten wir höllische Angst einzubrechen. Im Dach war ein großes Loch, von dem aus man das andere Haus sehen konnte. Lena stand dort und beugte sich immer weiter vor, in dem Versuch, einen Blick durch das etwas höher gelegene Fenster im ersten Stock gegenüber zu erhaschen.
„Wow, ist das groß da drin!“, stellte sie fest und da wollten wir nicht mehr in dem morschen Haus spielen, sondern im Haus nebenan. „Das Alte Haus“ nannten wir es noch auf dem Weg dahin, obwohl es sicherlich nicht älter war als das aus dem wir gerade kamen.
Vorne wollten wir nicht in das Haus, da war die Hauptstraße und viele Wohnungen und jeder konnte uns sehen. Also versuchten wir es hinten. Da war nur ein großer, leerer Hof und an seinem Ende ein paar Büsche, die die Sicht aus dem angrenzenden Garten versperrte. Zuerst versuchten wir es an der Tür, aber die war abgeschlossen. Dann fanden Lena und ich zwei kleine Fenster. Hinter einem war lauter Holz, da war also kein Durchkommen. Hinter dem anderen aber war gar nichts. Also drückten und rüttelten wir so lange, bis es nicht mehr klemmte und aufsprang. Alle sahen einander erwartungsvoll an und warteten, dass sich jemand hindurch quetschen würde. Ich versuchte es mehrmals und unter zu Hilfenahme eines Hockers und der anderen rutschte ich schließlich auf der anderen Seite auf einen Treppenabsatz. Lena kam hinterher geklettert, da stand ich schon auf der anderen Seite der Tür. Aber auch von da ließ sie sich nicht öffnen. Marlen und Nancy mussten also auch durchs Fenster. Aber sie wehrten sich. „Meine Hose ist neu“, schallte es von draußen rein und Lena und ich äfften das ganz leise synchron nach.
Wir sahen uns ein bisschen um. Der Flur war winzig, vielleicht einen Quadratmeter groß, auf der linken Seite ging es die Treppe nach oben. Dort war ein größerer Flur und ein Bücherregal. Darin waren lauter Heftchen, wie wir sie in der Schule benutzten. „Hier hat mal ein Lehrer gewohnt“, erzählte Jube, „er hat meine Mutter unterrichtet. Dann ist er irgendwann gestorben, ich glaube an einer Grippe. hier drin.“ Und das fand ich furchtbar gruselig. An der gegenüberliegenden Wand hing eine Weltkarte. „Er hat Geografie unterrichtet. Was noch, weis ich nicht.“ Wir gingen durch alle Räume: Zuerst der direkt rechts neben der Treppe. Leer. Der am ende des Ganges: Leer. Der, der daran anschloss, auch leer. Da war noch ein großer Raum auf der anderen Seite des Ganges, das war der, den man von der Straße aus sah, und einer links neben der Treppe, den hatte Jube aus dem Dach des anderen Hauses gesehen. Direkt gegenüber der Treppe, neben dem großen Raum war eine alte Tür, die anders aussah als der Rest. Sie klemmte.
Dann sah Jube, dass auf dem Bücherregal ein Schlüssel lag. Wir steckten einen er Schlüssel in das Schloss der alten Tür und schlossen sie auf. Sie klemmte trotzdem.
An Dem Bund war noch ein Schlüssel und wir gingen nach unten und steckten ihn in die Haustür. Er passte. Die anderen beiden kamen rein und fragten ein wenig neidisch: „Und?“. Wir machten einen kurzen Lagebericht, dann gingen wir alle nach oben. Unterwegs spielte Nancy am Lichtschalter herum und wir wären alle fast vor Schreck die Treppe runter gefallen, als die Glühbirne durchbrannte. „Hier gibt’s Strom“, war die Schlussfolgerung. Welch ein Luxus.
Wir gingen nach oben und inspizierten noch einmal alle Zimmer. Dann versuchten wir, mit vereinten Kräften, die alte Tür zu öffnen, was uns dann auch gelang.
Dahinter führte eine Morastig aussehende Treppe empor und ohne nachzudenken sprang ich hinauf. Dass sie morsch sein konnte, wollte mir gar nicht in den Sinn kommen, da der Rest des Hauses so gut erhalten war. Der Dachboden war geräumig und leer bis auf ein paar Kisten. Darin fanden wir unzählige Zeitungen, Bücher, Gebundene Schriften und Reclamheftchen. Ein paar Comics waren auch dabei, aber das alles war fürchterlich uninteressant für uns. Uns gefiel zwar der Gedanke, dass wir einen Dachboden durchstöbern konnten, auch was wir da fanden gefiel uns, aber wir wären nie auf die Idee gekommen, darin zu lesen.
Also gingen wir wieder nach unten und versuchten, es uns in einem der anderen Räume gemütlich zu machen. Nur auf dem Fußboden allerdings ging das nicht und wir beschlossen, alte Stühle und Kissen von daheim zu holen. Eine Matratzen wollten wir auch haben und einen Karton als Tisch und ganz viele Kerzen. Der eine Raum sollte das Wohnzimmer werden, die anderen unsere Schlafräume. Wir hatten alles ganz genau vor Augen, wir mussten nur ein wenig einräumen.
So gingen wir wieder aus dem Haus, nicht ohne zweimal abzuschließen und uns um den Schlüssel zu streiten.

„Die Polizei war bei Nancy!“
Es waren ein oder zwei Wochen vergangen, seitdem wir zum ersten Mal in das Haus gegangen waren und seitdem waren wir fast jeden Tag dort gewesen. Einmal hatten wir einen ganzen Samstag da verbracht und Kuchen gegessen.
Jetzt erzählte mir Marlen, dass die Polizei bei Nancy gewesen war. Wegen dem Haus. Die Nachbarn habens gesehen.
Heroisch sagte ich: „Wir halten auf jeden Fall zusammen und verraten niemand anderen, wenn sie auch zu uns kommen, oder?!“
„Spinnst du? Wenn die Polizei kommt, dann sind mir meine Freunde egal!“
Seitdem waren wir nicht mehr in dem Haus. Überhaupt nicht mehr, auch nicht in anderen Häusern. Schön brav im Garten. Die Polizei war nicht zu uns gekommen, sie hatten auch Nancy nur gesagt, dass sie das lassen soll, mehr nicht.
Schön brav im Garten haben wir seitdem gespielt, und ich hatte das mit dem Pferdestehlen auf später verschoben.

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