Gesellschaftskram

von Kirschprinzip

Ich bin sowohl Deutschland als auch die Jugend persönlich und definitiv irgendwie überfordert mit dieser unfreundlichen Situation.
Des Weiteren rauche ich bereits seit ich Acht bin und treffe mich heute mal mit der Vernunft auf ein Gespräch über die momentan äußerst brenzlige Lage meiner Generation im schwierigen Alter. Wir trinken Tee und schauen währenddessen ambitionierte Aufklärung in namhaftem Frühstücksfernsehen.

“Hallo Vernunft, Sie haben ja sicherlich irrsinnig viel zu tun, so in der Welt und…”
“Ist schon okay.”
“Könnten Sie mir eventuell ein paar freundliche Tipps geben? Von wegen Zukunft und Schulverweigerung und Migrantenproblemen und, u know, Gewaltzunahme unter Jugendlichen und Rassismus und…”
“Erstens: Ich bin nie da, wenn ich gebraucht werde. Deswegen ist dein Umfeld wohl erst mal auf sich allein gestellt, tja.”

Ich kriege einen hysterischen Hustenanfall, der mich töten will und verfolge mit dem mittlerweile von der Vernunft abgewendeten linken Auge einen Bericht über den Einzug der NPD in irgendeinen Landestag durch die dazugehörige, tatkräftige Jugendarbeit. NPD geht auf Schulhöfen rum und verteilt Schulhofpausencds, durch die freundliche kleine Menschen zu halsbrecherischem Schweinskram angestiftet werden. Auf einem anderen Kanal läuft grade eine Reportage über den schockierenden Erziehungsnotstand, aber lassen wir das.

“Wie, Sie können da auch nichts machen?”
Vernunft schüttelt Kopf und fragt mich nach meiner persönlichen Meinung.
Das ist natürlich erheblich schwerer als der vorherige Restbestand. Ich kratze mir den Kopf und denke sowohl über Rütlischulen als auch über globale Erderwärmungen nach. Mein Gedankengut ist von frühpubertärer Naivität verseucht und bleibt an einem speziellen Gedankengang hängen; an dem in eine Klasse aus Gleichaltrigen, die größtenteils vorlieb nehmen mit freundlichen Absturzpartys und dem Ziehen von aufgeblasenen Kondomen über den leider noch sehr leeren Kopf.
Schulgänger haben Probleme und die bestehen vorerst nicht aus heimischer Politik und Massensterben in dritten Welten; sie bestehen aus nicht nur pubertär bedingter Einsamkeit, Pickeln und ausgeprägtesten Komplexen. Fünfen in Mathe bringen uns eher zum Weinen als 20% Arbeitslosigkeit in einem recht weit entfernten Grenzvorort der Zone, und derartige Tatsachen sind extrem verständlich. Der Mensch ist Egoist und befindet sich mit seinen netten Problemen in kaputten Gesellschaften.

Der Jugendliche spottet über gequält bemühte Jugendarbeit des Bürgermeisters, der mit Sprüchen wie “Ist doch uncool, oder?” Werbung gegen das Zerkratzen von Fensterscheiben der BVG bastelt.

Der Jugendliche möchte leben und ist vorerst noch nicht in der Lage dazu, sich gesellschaftlich für seine Rechte einzusetzen, da er einfach zu klein ist dafür und erst einmal über seinen eventuellen Schweißgeruch nachdenken muss.

Der Jugendliche ist trotzdem nicht vollends bescheuert; er kommt gut und freundlich auf die Welt und entwickelt sich je nach eigener Begabung, Begabung des Elternhauses und der leider einstufbaren Begabung seines Umfelds zu einem jungen Menschen und so weiter, wird also entweder Zahntechniker oder heroinabhängig.
Das Wort Pubertät hört er nicht gerne, ist ja auch grauenvoll und weitaus nicht das Hauptproblem. Um sich als durchschnittlich ignoranter Halbwüchsiger erst mal ein vernünftiges Schulleben im Sinne vom hübschen Zusammenleben mit besagter Gleichaltrigkeit zusammen zu bauen, bleibt in den meisten Fällen mehr auf der Strecke als unbedingt nötig.
Wir lachen über Politik, weil es ein Klischee ist und wir quasi seit unseren Geburten mit altbekannten, gebrochenen Versprechen konfrontiert werden. Wir lachen über Kunst, weil Bilder an Wänden blöd sind und das konventionelle Theater, sprich der Begriff des Theaters, vollends beschissen.
Wir wissen zu wenig und wollen zu wenig wissen und prinzipiell darf uns das niemand übel nehmen, da wir in notwendigen Entwicklungsphasen stecken und momentan nicht in der Lage zum Revolutionieren sind; außerdem sind wir ambivalente Schweinekinder und können uns nicht entscheiden. Von greisigen Professoren benutzte Jugendsprache ist peinlich, das ist sie ja nun wirklich, Fachchinesisch und so weiter wiederum verdammt weit entfernt von uns und unnahbar; zwar sind wir die Zukunft des Landes und so weiter, sollen Kinder herstellen in nicht allzu langer Zeit und des Weiteren am Besten auch noch ein paar internationale Handelskreditbanken gründen.
U know, um mit den Tränen besser umgehen zu können. Und um die Welt zusammen zu halten; das Problem allerdings ist, dass jeder von uns in seiner eigenen Welt lebt und die gravierendsten Dinge aus einer einzigen von ca. Sechsmilliarden Sichten sieht.

“Du quakst aber auch selbst nur rum.”, sagt die Vernunft und lässt sich in meinem Beisein ein Peacezeichen auf den Oberschenkel tatöwieren.
“Orientier mich an den ganz Großen.”, sage ich. Weil ich denke, dass hört sich sozialkritisch an und kann Eindruck schinden. Ich trinke meinen Tee und bin wahnsinnig unzufrieden.

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