Pornoparkett

von Kirschprinzip

Der Magermilchjoghurt aus ihrem Kühlschrank erinnert mich an meine Zeit als minderjährige, magersüchtige Dreckfotze und lässt vermuten, dass sie selbst eventuell auch eine magersüchtige Dreckfotze ist, nur nicht minderjährig natürlich und irgendwie stilvoll.
Sophies Beckenknochen stehen pflichtbewusst hervor, sie rennt hysterisch durch ihren untapezierten Altbau und sucht nach dieser Verbindungsschnurscheiße, mit der sie ins Internet kommt.

“Ich habe sie geraucht”, sage ich und sitze auf dem sperrigen Küchenstuhl, ihre Wohnsituation ist minimalistisch eingerichtet und Teil eines extrem belebten Szeneviertels. Sophie ist Schauspielerin und hübsch. Sie regt sich theoretisch ausschließlich über mich auf, wenn ich ihre Zigaretten klaue oder so tue, als hätte ich ihre Verbindungsschnurscheiße geklaut, um sie zu rauchen, und manchmal regt sie sich auch darüber auf, dass ich erst fünfzehn bin und noch keine Falten habe. Ich liebe sie. Sie rechnet momentan vermutlich nicht damit, dass ich gestern beinahe explodiert wäre, als fundamentalistische Attentäterin in einem stark frequentierten Cafe.
“Ada Erdnuss, hast du es tatsächlich nicht gesehen?” Ihre heisere Stimme nimmt den ihr zur Verfügung stehenden Raum voll und ganz ein. Gestern hat sie Maria Stuart getötet, als Königin Elisabeth und natürlich nur auf der Bühne, aber wirklich authentisch und so und ich weiß nicht, wie oft ich es noch sagen soll, aber ich liebe sie. Es klingt kitschig, aber ich liebe so gar ihren abgebrochenen Fingernagel. Ich liebe die Marmelade an ihrem Ohrläppchen oder viel mehr die Tatsache, dass sie sich nicht zu schade dafür ist, die Marmelade an ihrem Ohrläppchen zu ignorieren. Es durchfließt mich ganz seltsam, wenn ich sie ansehe, wie in einem schlechten Groschenroman. Ich möchte neben ihr in einem Bett liegen und sie nur noch ansehen, sie erotisiert mich nicht, aber ich möchte auch ihr Herz schlagen hören und dass die Umarmungen nie vorbei gehen, bis ich tot bin oder desinteressiert. Sie steht nur da an diesem geöffneten Fenster und raucht und weint.
“Warum weinst du? Ich hab das Kabel nicht gesehen, ehrlich.”
“Du lügst zu viel, Ada.”
“Ich habe von dir geträumt.”
“Ja?”
“Ja. Wahrscheinlich lüg ich zu viel, das ist alles. Manchmal balanciert man doch auf so einem Strich rum, der zwei Autobahnspuren voneinander abtrennt oder wie das heißt und dann geht man viel sicherer, als wenn man weiß, dass dieser Strich ein Balken über einem zehntausendmetertiefen Abgrund ist. Ich kann diesen Abgrund nicht vergessen. Verstehst du, Ich kann nichts dagegen tun, dass mein komplettes Umfeld irgendwie an mir stirbt, vielleicht musst du jetzt gehen.”
Die Sonne kitzelt einen Marienkäfer auf dem Fensterbrett zu Tode.
Sophie bleibt regungslos stehen, um zu symbolisieren, dass ich weiter erzählen darf und ich blicke nicht einmal zu ihr auf und starre einfach auf die ungeschleiften Dielen, weil das sicher stilvoll wirkt oder verwegen. Ich weiß, dass sie zuhören wird und ich habe Angst, ich habe wirklich irgendwie Angst.
“Ich bin nicht herzlos. Ich wünsche mir grade, herzlos zu sein, aber es funktioniert nicht und ich hab trotzdem nichts mehr, auch wenn das kitschig klingt. Weil ich zu viel lüge.
Ich träume ganz viel von dir und dann fühlt es sich an, als wärst du wirklich da. Ich hab geträumt, dass mir jemand ne Brotschneidemaschine in den Rücken gerammt hast aber es hat nicht weh getan, also nur ein bisschen weil man fühlt ja immer noch was, wenn man träumt und dann bin ich durch das Treppenhaus von so einer gefliesten Krankenhausscheiße gerannt und über zwei herumliegende Sozialarbeiter gestolpert, die sich von der Vernunft ein Peacezeichen auf die Oberschenkel tätowieren ließen. Draußen standen viele kleine Schafe und irgendwo warst auch du. Ich bin zu dir gegangen und du hast gekotzt und dir irgendwie Sorgen gemacht, weil alles so geblutet hat und ich glaube, das war der schönste Moment in meinem Leben.”
Sophie stützt sich am Fensterbrett ab und hält die Augen lange geschlossen, als wäre sie wirklich ergriffen oder als hielte sie mich für verrückt, die Reaktion ist ziemlich ambivalent.
“Als ich gekotzt hab oder das mit der Brotschneidemaschine?”
“Weiß nicht. Das mit den Sorgen, irgendwie. Du warst halt da.”
Verständnisvoll fängt sie zu nicken an. Alles ist grau, aber sie setzt sich zu mir und verschwendet einen kurzen Gedanken daran, von meinem nackten Schienbein aus zu koksen, aber sie reißt sich dann zusammen und so, wegen der Minderjährigkeit. Ich habe sie aus einem inneren Drang heraus sieben Monate lang so gut beobachtet, dass ich immer schon vorher weiß, was sie machen will und dann doch lässt oder wann sie nicht mehr reden kann, und jetzt kann sie nicht mehr reden, was eigentlich schade ist, aber auch angemessen.
“Ich glaube, sie wollte immer verbrannt werden, aber das haben wir jetzt vergessen. Glaubst du, man kann Erdbeeren anpflanzen auf Gräbern? Oder Kürbisse? Sophie?”
“Ich liebe dich, Ada.”
“Ehrlich?”
“Nein, aber ich habe diesen Satz so lang nicht mehr gesagt.“

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