Schlangentanz (Won`t ya please be quiet, please)

von para.gone

Die Kakophonie des Hupkonzertes vor ihrer Haustür versetzte ihrem jaulenden Hund einen mittelschweren Schlaganfall. Sie stiefelte über seinen längst verwesten Kadaver hinweg und setzte sich zu ihm in das Auto, das bereits seit zehn Minuten ihre Einfahrt versperrte. Aber der Adel kam eben immer zum Schluss.
Der hinter tosenden Sturmwolken verbogene Mond hätte ihr Haar gülden illuminiert, wenn er denn geschienen hätte, als sie die Tür zu dem zerfallenen Gebrauchtwagen öffnete und ihm einen Begrüßungskuss gab.

„Hey, Süße. Und, was machen wir heute?“ raunte er ihr ins Ohr, noch immer die sich hinter ihm bildende, züngelnde Wagenschlange ignorierend und wartete auf ihr Zünglein in der Waage seiner Mundhöhle.
„Disco natürlich. Hey, was guckst du denn so? Willst du nicht?“
„Naja, ich dachte eher, wir machen uns ´nen Gemütlichen, aber wenn du gerne möchtest, können wir auch in die Disco.“
Flüchtige Gedanken flirrten durch ihr flackerndes Bewusstsein. Gefallen tun, Liebe demonstrieren, nachgeben? Beharren, Dominanz demonstrieren, fordern? Mit strategischem Flittchenlächeln blickte sie ihn ausdruckslos an. „Na gut, dann gehen wir zu dir.“
„Hey, aber nicht, dass du jetzt traurig bist. Schau mal, mir ist es eigentlich egal, ich will nur lieber mit dir kuscheln und an dir herum lecken, aber auch nur ein bisschen mehr, und wenn du jetzt viel mehr in die Disco willst, dann gehen wir auch dahin, weil’s mehr wiegt, wenn du es mehr willst. Wir messen also, äh, quasi den Betrag der Intensität deines Wollens an dem meiner, und, äh, so halt. Ach, mir egal.“
Die utilitaristischen Fremdworte hatte sie in ihrem Geiste geformt, mit ihrer Zungenspitze in seinen Mund konstruiert und auf dem Tonband ihrer kategorisierten Wahrnehmung abgespielt. „Gut, dann Disco.“

Auf der szenisch adaptierten Fahrt.
„Kennst du die Disco eigentlich, Süße?“
Kopfschütteln.
„Also, na ja, das war halt mal so ein Punkrock-Schuppen, aber… und jetzt, na ja, jetzt…“ Stottern.
Ein Hohngrinsen troff ihre Wangen hinauf. „Und jetzt ist es ein Rockpunk-Schuppen?“ Verhaltenes Spottlachen.
„Ja, genau. So etwa.“
Das darauf folgende schallende Gelächter drohte jedes sich an die Oberfläche kämpfende Wort in der stickigen, oxidierten Nebelluft zu ersticken.

Sie drückten ihre Wangen abseits der verlassen Tanzfläche an die röhrenförmige, kühlende Bunkerwand. Ein Pärchen jenseits der 30 tanzte ekstatisch und selbstvergessen zu Kaiser Chiefs - Every day I love you less and less, die Arme wild im nebeligen Raum kreisend und die Beine ineinander verschlungen.
Der Spott troff aus ihren verquollenen Augen. „Die Leute hier, wie die sich bewegen. Faszinierend. Irgendwie, so völlig frei, aber auch so völlig unästhetisch.“
„Ist eh nichts los hier.“ Ohren zucken. „Und die Musik ist total leise.“
„Ja, damit man sich besser unterhalten kann, wenn eh niemand tanzt“, belehrte sie ihn.
„Dann müssen wir ja reden“, murmelte er.
Den entblößten Nacken an die kühlende Bunkerwand gedrückt, schaute sie ausdruckslosem Blick in die von der surrenden Nebelmaschine erzeugte Leere. „Wir haben ein Kommunikationsproblem.“
Erschrockene Blicke. Nervöses Lachen. „Hey, das hab’ ich doch nur so gesagt. Jetzt schau doch nicht so traurig. Alles fein? Ich hab das doch nur als Scherz gemeint…“
Sie leckte sich den Lippenstift von den trockenen, vibrierenden Lippen. „Ich aber nicht.“

Im Hintergrund spielte der verhasste Song noch endlose Minuten weiter, ehe sich das absurde Pärchen, einen grotesken Tanz aufführend, einem anderen hingab: Arctic Monkeys – I bet you look good on the dancefloor.

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