Herzen und so.

von Kirschprinzip

Meine Eltern sind scheiße.
Meine Haare sind scheiße.
Meine Art zu rauchen ist scheiße und erotisiert mit langen Beinen und merkwürdig abgefahrenen Nylonstrümpfen weder eine Haselmaus noch mich selbst.
Verbrochene Begebenheiten im Extrem und ich sitze bei Thunfischtatar und einem wichtigen Gespräch neben Edmond, um mich zu verabschieden zum Beispiel und Erklärungen abzuliefern.
“Hör mal zu, Edmond.”, sage ich und zerspüle meine Vernunft mit dem letzten Schluck des unerlaubten Rotweins. Wir sind Freunde. Bald werden wir uns verlieren und so weiter. Wir sitzen in Edmonds reizendem Zimmer rum, besaufen uns mit geklauter Scheiße und haben sämtliche Regelungen einer gesellschaftsfähigen Pubertät zum Tode verurteilt an diesem Abend. Stechen sie ab mit spitzer Verachtung, ertränken sie im Alkohol und fressen nebenbei stilvollen Müll.
“Ich geh weg.”

Edmond verschluckt sich an seiner Gabel und besteht aus Erstickungsgefahr. Er ist ein netter Mensch und relativ hübsch dazu; besitzt Augen der Superlative und eine Haut von umwerfender Reinheit. Sollten Sie Freunde sein netter, tiefenpsychologischer Küchentischdiskussionen mit anrührendem Unterton des von Genialität verfolgten Gegenübers, stellt er sich als ein irrsinnig wunderbarer Gesprächspartner heraus. Lieblingsthemen bestehen aus Stanley Kubrick, seiner Examensarbeit und abstrakten Verhältnissen zur postmodernen Dramaturgie.
Er ist gegen Schönheit.
Er liebt mich.
Aber das weiß ich natürlich noch nicht.
“Ja. Ernsthaft. Ich kauf mir ein nettes Sonnenscheinticket und fahr nach Bayern.”
Mein Lächeln bringt ihn um, die dazu gehörige Tatsache vergegenwärtigt ihm die Relevanz des befreundeten Mädchens in seinem Leben und ein Verstand überschlägt sich. Ich hingegen finde mich hässlich und kann gut leben mit meinem zukünftigem Fehlen. Ich schlucke einen unfreundlichen Brocken runter und verlasse mich auf ein gewisses Vertrauensverhältnis.
“Was soll das heißen? Was ist denn mit deinem Referat und so?”
“Bist du verrückt?”
“Mädchen, hör mal, du bist schulpflichtig und alles, du schreibst was über Schnecken. Ich sitz hier neben dir rum und…”
“Edmond.”
Vor lauter situationsspezifischer Überforderung wird dieser Dialog von einer Portion Begriffsstutzigkeit unterbrochen. Die Glühbirne brennt durch. Kein Grund zur Sorge, wir sind das gewohnt. Es ist eine verdammte Schrottwohnung, abgeschirmt allerdings von sämtlichen Einflüssen der erwachsenen Wahrnehmung und piekenden Restbeständen; Erziehung wird verabscheut von Kindern unseres Alters. Das Ich ist für Anarchie, unbewusst natürlich und ohne sich naiver als unbedingt nötig zu benehmen.
Ich denke besser, als Sie denken.
Ich habe genau geplant. Den Zeitpunkt meines Ausreißens zum Beispiel, die darauf zurück zu führenden Folgen im obligatorischen Nachhinein und das zerrissene Vermissen im Dreivierteltakt.
“Ich find das beschissen, ehrlich. Die Schnecken, verdammt, wann hast du denn vor, zurück zu kommen? Mh?”
Edmond rastet aus. Er reißt mir einen Arm raus, enthauptet mich quasi durch böse Blicke und einen unleidlichen Tonfall. Er tritt gegen die untapezierte Wand und es könnte ungeschickt wirken im Dunkel dieser Situation. Sie ist schließlich im Arsch, die Situation.
Edmond zündet ein Streichholz an. Wahnsinnig unheimlich und so, wie sein Gesicht von dem lodernden Feuer in ein unrealistischeres Licht als unbedingt nötig gerückt wird; ohne die theoretische Protagonistin dieses Buches zu blenden allerdings.
Ich gehe auf und ab im Zimmer, schmeiße mich gelegentlich auf einen rum stehende Sitzgelegenheit und bin zufrieden mit meiner Ankündigung.
“Gibt’s wenigstens Gründe?”
Ich seufze: “Zu Hauf!”, und setze mich mit einer affektierten Pose in Szene. Eine wunderbare Gesangseinlage würde wunderbar rein passen in diese Szenario aus Wahrheit, Abschied und Scheiße. Ich würde ein rührendes Lied trällern über Malariatod und die Gefahren des verlorenen Alltags unter Brücken und der dazu gehörigen Fremde. Reißende Wölfe, böse Menschen ohne Fingerkuppen, die Kinder ficken wollen und Ausgerissene klauen und sowieso könnte alles ganz schrecklich werden ohne Reiseproviant und Absprache.
“Es ist doch harmlos.”, sage ich. Edmond sucht unter lautem Gerumpel nach Kerzen. Man reiche ihm einen Kollaps, dem elendigen Spross.
“Weißt du, ich fühl mich einfach irrsinnig verantwortlich für dich.”
Ich lächle.
Dann male ich mit einem hervor gezauberten Edding zwei Herzen an die Wand und drücke mir meine Kippe auf dem Arm aus.
“Die Narben sehen aus, wie kleine Oktopusse, im Endeffekt.”
Edmond will auch.
So was ist Abschied.

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