Wir könnten die Welt verändern…

von para.gone

Als ich heute morgen aufgewacht bin, ist mir seit vielen Tagen wieder einmal aufgefallen, wie gut ich mich fühle. Hammergut. Supergut.

Nachdem ich geduscht, mir mein neuestes Top und knallenge, perfekt sitzende Jeans angezogen hab’, war ich – mit meiner Lieblingsmusik im Hintergrund – bereit, mich nackt auf die Straße zu stellen und zu schreien, dass ich zu allem bereit bin. Die Energie floss mir durch den Körper, ich vibrierte vor Spannung. Es wird Zeit, dacht’ ich mir, tu was!

Nur… was?

Schnell durch VIVA, MTV, Giga und ähnliche Sender gezappt – nichts interessantes zu sehen.
Mein aktuelles Buch von der Couch geangelt – ach, das handelt nach hundert Seiten ja immer noch von der Bestürmung Trojas und dem endlosen Streitgespräch zwischen Achilles und Agamemnon.
Den Rechner angeschaltet – ach, auch kein Game, das ich nicht schon durchgezockt hätte.
Zeitung gelesen – es hätte auch die von gestern sein können.
Freunde angerufen, zum Treffen verabredet – an der Frage gescheitert: „Was sollen wir machen?“

Ich bin jung, ich bin sexy, ich habe Energie, ich habe Lust, ich habe einen Packen Motivation für hundert weitere Leute; ich bin kein Opfer der verdummten Viva-Generation, ich habe meine eigene Meinung, ich habe Hobbies, die nicht jeder hat, ich habe Lust auf Konfrontation, ich habe super Freunde, ich hab’ mir für heute nichts vorgenommen, ich habe heute keine Termine, ich will einfach nur machen, was ich will…

Allein, ich weiß nicht, was ich machen will.

Meine Generation – zumindest so gut wie alle, die ich aus ihr kenne – sind nicht so verdummt, wie es uns die Sittenwächter gerne suggerieren würden. Wir sind nicht derart sexfixiert, wie die Musikvideoindustrie uns gerne haben würde. Wir sind nicht so simpel, dass wir uns den gesamten Tag vor ein und dasselbe Computerspiel hocken könnten. Wir sehen nicht immer gut aus und sind gutgelaunt wie amerikanische Cheerleaderinnen in einschlägigen Firmen. Wir haben keine Probleme – zumindest nicht mehr, als jeder andere Mensch auf dieser Welt auch.

Ich fürchte einfach nur, dass ein Großteil der Leute, die in meinem Alter sind, keine Ahnung haben, was sie mit ihrer kaum zu bändigenden Energie anfangen sollen; wir haben einfach keine Probleme, keine diktatorischen Mächte, keine spießige Gesellschaft mehr, gegen die wir rebellieren könnten, und es lohnt sich den Aufwand kaum, wegen irgendetwas aus dem Haus zu gehen. Also schalten wir doch wieder den Fernseher an, lesen, hören Musik oder chatten mit unseren Freunden über die neueste Frisur der Jahrgangsschlampe, weil die das in den Filmen ja auch immer so machen und wir niemals auf die Idee kämen, auf die obligatorische Frage „Wie geht es dir?“ mit „Ich weiß nicht, aber ich hab’ da ein Problem…“ zu antworten.

Ich glaube fest daran, dass wir alle insgeheim wissen, dass uns diese ganze Konsumgesellschaft, der stete Überkonsum als Folge daraus, dass wir ja nicht wissen, was wir sonst tun sollten – es hat uns ja niemals jemand gesagt, was wirklich Spaß, was glücklich macht! – niemals erfüllen kann. Aber keiner aus meiner Generation weiß, was er sonst tun sollte, außer zu konsumieren, und wenn es einer weiß, dann sagt er es uns nicht – warum auch? -, und so sitzen wir weiter vor unseren Fernsehern, Rechnern, Telefonen, in Clubs, Bars, Kneipen, Diskotheken und Rathaustreppen und reden, ohne zu wissen, worüber wir diskutieren sollten, weil alles schon gesagt ist und wir nicht wissen, was getan werden könnte.

Uns fehlt die Fähigkeit, die Gelegenheit am Schopf zu ergreifen, und nun stecke ich also fest und, wie ich zu sagen pflege, ich weiß, aber ich weiß nicht, was ich weiß.

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