- Die Perlenkette -
von BInspired
Ich erinnere mich, dich als Kind nach den Schranken meines Seins gefragt zu haben. Die Einschränkungen nur eines besitzenden Lebens erschienen mir wie ein Arrest, dessen Absurdität sich in der Tatsache bündelte, den Kerkerschlüssel am eigenen Leib zu tragen.
Rätselhaft waren mir diese lauen Spätsommerabende in der leisen Küche meiner Urgroßmutter, die mich mit ihren alten Sagen einholte. Ich spürte die vertraute Härte des Hockers unter mir, strich stirnrunzelnd über die Furchen seiner Ränder, und auf einmal sah ich den idyllischen Raum ebenso von oben. Aus der Vogelperspektive ließ ich meinen Blick zu dem festen Zopf lilienweißer Haare gleiten, deren weizenblonder Schimmer den Jahren wich, über den wackligen Küchentisch, auf dessen bestickter Decke eine kleine Vase mit Wiesenblumen stand. Eine plötzliche Dringlichkeit hieß mich, nichts von alldem je zu vergessen. Durch die offene Tür fand eine verirrte Biene ihren Weg zur Glühlampe, und ich spürte die bittersüße Melancholie meiner Urgroßmutter darüber, nicht mehr jung zu sein. Mit dieser Erkenntnis wollte ich sie am liebsten in meinen Armen wiegen, wie es bis dahin nur umgekehrt geschah, nachdem ich mir die Knie aufschürfte, meinen Trotzkopf nicht durchsetzen konnte und auf kindliche Art verzagte. Ich wollte ihr sagen, alles sei gut, denn Zeit bedeute nichts. Oben erkannte ich, was Wehmut heißt, während ich unten sorglos meine bloßen Beine baumeln ließ. Und damit veränderte sich alles.
Wer ist es, der die Geschlossenheit einer Daseinsform besiegelt? Welcher Schwere unterliegt noch die Zeit, wenn man ihr die Wehmut nimmt? Um zu erkennen, wie man war, vermag man nicht zu bleiben, wer man ist. Wie die Perlen einer Kette so verschieden und doch, verbunden, eins sind.
