Leo
Dies ist übrigens kein Beitrag für den Jugendkolumnenwettbewerb, lapidar wurde mir mitgeteilt, ich sei „einfach viel zu alt“, es folgten Schimpfworte, - nun, jetzt bin ich in der Jury, ist doch auch etwas.
Aber einmal etwas Anderes: Darf man ein Tier mehr lieben als einen Menschen? Ein Beispiel: Ich habe also eine Katze zu Hause, acht Jahre alt, rotbraun, wunderschönes Tier, und wenn man mich fragt: Wen magst Du lieber, Alter, ey, den grölenden Skinhead in der S-Bahn, oder Deinen Leo, so heißt mein kleiner Liebling, oder noch schärfer gefragt: Wenn Du wählen müsstest, einer von Beiden muss nach Walhalla, Ulf oder… Investieren Sie bitte keinen Euro mehr für Flaschenbier in das stinkende Schwein, wenn man Sie darum angrunzt. Also in Ulf.
Leo ist mein Freund, bzw.: Ich bin seiner. Man kann sich mit Katzen nicht anfreunden, man wird als Freund gewählt, mehr nicht. Und Leo ist ein Diktator, er setzt seinen Willen hemmungslos durch. Das würde Ulf auch gerne, leider: Ulf ist nicht so intelligent, nicht intelligent genug. Als Leo einzog bei mir, gab es in meiner Wohnung Türen vor jedem Zimmer, diese waren säuberlich und ordentlich geschlossen, mittlerweile habe ich Vorhänge in den Türeingängen hängen: Leo mag keine Türen, er will überall frei spazieren können, geschlossene Türen werden zerkratzt. Ich hatte Blumen auf der Fensterbank, auf den Tischen, in den Zimmerecken, Blumen beurteilt Leo nach zwei Kriterien: schmecken oder schmecken nicht. Da hat er etwas mit Ulf gemeinsam, Ulf mag auch nur Dinge, die man aufessen, austrinken oder f…kann, Ulf mag also keine Bücher. Aber Ulf ist nicht klug genug, uns zu überzeugen, keine Bücher mehr zu lesen, und stattdessen den ganzen Tag besoffen herumzupöbeln, sein Argument ist die Gewalt, Leo kann ja nichts dafür, dass sämtliche Blumentöpfe zu Boden scheppern, wenn er auf die Fensterbank springt, er erschrickt selbst am meisten…Und so weiter: Klingelton meines Telefons auf Katzenohren abgestimmt, also keine schrillen Töne, Fernseher und Radio auf leiser Lautstärke oder über Kopfhörer, keine lauten Worte in meiner Wohnung.
Weil ich bereit war, seine Kompromissangebote, die so genannten, anzunehmen, leben wir gemeinsam in Frieden wie ein altes Ehepaar. Wir haben unsere Gewohnheiten, unseren Alltag, feste Zeiten, und so lange einer den Anderen nicht stört, leben wir friedlich. Eigentlich sogar glücklich, für mich ist es schön, genau zu wissen, dass ich immer freudig begrüßt werde, egal welchen Mist ich tagsüber erlebt oder fabriziert habe, das nenne ich Treue. Von meiner Freundin Daniela habe ich erfahren, dass Katzen negative Energien aus dem menschlichen Körper ziehen, jedenfalls hat er eine beruhigende Wirkung auf mich, man kann Einzelgänger bleiben und trotzdem einen Freund haben, Leo ist kein wenig aufdringlich, usw….
Und Ulf? Engstirnig, intolerant, fühlt sich nur in der Masse wohl, das ist ja überhaupt, aber überhaupt nichts für mich. Leo würde Ulf übrigens nicht mögen, dürfte dieser jemals meinen kleinen Schatz kennen lernen, er hat ein Gefühl für schlechte Menschen, so, wie er Unwetter vorausahnt Stunden zuvor.
Wenn ich also jemals vor die Wahl gestellt würde, wer mir mehr bedeutet, wessen Leben mir sinnvoller erscheint, fortgeführt zu werden,- nimm es mir nicht übel, perverses Dreckschwein, oder: bitte doch.
Guten Tag.
