trittbretter
von para.gone
Der See liegt vor mir. Tristes Grau, bevölkert von Enten, exponiert durch anthrazitfarbenes Gefieder. Ein Boot zieht einsam seine Runden, verloren, die Ruder eingefahren schlendert es über den See, als ob es auf der Suche sei. Das Boot kann keine Mannschaft sein Eigen nennen, die Planken liegen im Nebel verborgen und das lose Segel tanzt verloren im Wind.
Sagte ich, das Boot ziehe seine Runden? Eigentlich steht es nur da, allein und einsam, von aller Welt verlassen und doch schon fast wieder ein Teil der ewigen Anderswelt, die es umgibt. Bäume, Gras. Käfer.
Leider weiß ich nicht, welche Bäume das sind, auch wenn ich merke, dass es dem Effekt des Momentes dienen würde. Erle? Buche? Kalliope schweigt und selbst Erato weiß sich nicht zu helfen, würde sich lieber im See ertränken. Eine Rotbuche blüht lange, tritt häufig in Nordeuropa auf, und so sei es denn eine, axiomatisch betrachtet, versteht sich, denn die letzten grünen Blätter, die sich verzweifelt an ihre Äste klammern, sprechen sowohl Biologie als auch Stimmung Hohn.
Sagte ich, ein Boot ziehe seine Runde? Correctio, dabei ist es doch ein Kapital der Touristikindustrie, auch Freizeitschiff genannt, MS soundso, vermutlich MS Herzensblüte oder MS Nachmittags- oder Sommertraum oder auch einfach MS See.
Ich seufze. Die Frage, die bleibt, ist, was mein Ich hier will. Es ist nicht die Idylle eines Eremiten, nicht der Ort, an dem sich an den ersten kühlen Herbsttagen das Menschengeschlecht beobachten lässt. Es ist wohl der Ort, an dem ich lebe. Oder gelebt habe, denn ich war viele lange Tage schon nicht mehr hier.
Das Gras ist plattgetrampelt, die verblühenden Hälmchen zerknickt und verdreht und erstickt von langen, feurigen Sommernächten und der Winter trifft Vorbereitungen, es bald mit seiner schneeweißen Decke ummanteln und beschützen zu können, damit es endlich die Spuren des Jahres vergessen kann. Das Gras wehrt sich, zu meinen Füßen bäumt es sich auf und protestiert und revoltiert, weil es noch nicht vergessen will, und vor Verzweiflung und Angst vor dem Eingeständnis bringt es sich eher um, als auf die gnädige Absolution des Winters zu erwarten.
Es wird zersetzt, Milliarden winziger Tierchen, Kleinstlebewesen, Destruenten, wirft Kalliope ein, Anthuridea und Valvifera, und ich deaktiviere meine mentale Logosoft. - Es wird zersetzt, Milliarden winziger Tierchen fressen sich durch jede einzelne Zelle, jedes Organ, jede Blattschicht, durch Farbe und Leben und Willen und Idee. In ihrem eigenen privaten Holocaust. Das Gras war absurd, aber es war nicht Sisyphos.
Ich war nie zuvor allein hier. Hier, an diesem Fleck der Vergänglichkeit, an diesem Kreuzweg all meiner Entscheidungen, an diesem Monument, an dem ich einen Fehler nach dem anderen beging und mich lieber vergnügte, als das Muster zu erkennen. Hier, wo ich zuwahrnahm, wie ich ihn umbrachte.
Weil ich nie allein hier war, war stets zuvor jemand bei mir - weil ich eine Decke brauchte, um mich hinzusetzen, und selbst keine besaß. Ich wusste nichts von den gewaltigen Morden, der Euthanasie, dem Kampf, der Verzweiflung, von der Schuld, der Schuld, der Schuld, weil die Decke selig ihren Schleier über sie legte wie die Asche auf das Feuer. Aber sie lebt, glimmt, und sobald ich mir einen Zweig nehme, der neben mir auf dem Boden liegt - angepisst von unzähligen Hunden - erwacht sie wie der Phönix aus der Asche, nur dass die Asche aus sich selbst erwacht und lodert, verzehrt. Keine Katharsis, nein. Ein Warnfeuer, das hoch hinaus in die Wolken ragt, ein persönliches, privates Babel und eine ewige Flamme für ihn, damit ich niemals mehr vergessen kann.
Ich werfe das Stöckchen fort. Ein Hund kommt angelaufen, ein Dachshund mit Lockenmähne, bringt es mir wieder. Bin ich etwa Sisyphos? Leicht Schritte erschüttern den Boden, jemand schnauft, postiert sich vor mir, stützt sich vor Erschöpfung auf die Oberschenkel. “Sorry, das ist meiner… freches Tier”, entschuldigt er und funkelt den Hund verlegend grinsend böse an. Ich lächele, bedeute ihm, sich neben mich zu setzen, wo ich gerade hocke, streichele den Hund und warte, bis er seine Jacke als Decke ausgebreitet hat, auf die wir uns setzen können.
(Wir passen nicht beide auf sie und müssten uns in verzweifelter Selbstaufgabe aneinander klammern, als wäre jenseits von ihr der klaffende Tartarus. Er scheint nichts dagegen zu haben. Der Hund aber springt kopfüber in den See.)
