Regen, oh, Regen!

von Wechsel-Haft

Irgendwann standest du auf dem Nachbarsandhügel, und starrtest hinab auf deine rote E-Gitarre, völlig vertieft.
Der Wind trug die Worte, die du spieltest in mein zerfühltes Herz. Die Farben des Sandes pulsierten unter den leisen Klängen, die den Metallsaiten entflohen. Du spieltest dir die Fingerkuppen wund und sahst mich nicht. Nicht einmal dann, als ich meine Stimme durch die Amsel singen ließ, weil ich dich warnen wollte vor der Sonnenglut in grau.
So ließ ich aus meiner Iris dir Palmen formen, damit du in dieser meiner Wüste nicht starbst. Als ich dir salzloses Wasser aus meinen Augen reichte, blickte ich in dein Goldaugen- staunen und du weintest mich an. Dein Lächeln sprach nur aus den Saiten.

“Zerbreche den Fluch, liebste Prinzessin, zerbreche ihn, den Zauber, breche ihn.”, hauchtest du mir zu.

Ich ließ meine Blicke in die Zeit fallen und berührte vorsichtig deine Stirn.

“Das kann ich nicht. Die Wüste zerfrisst meine Hände, zerfrisst meine Vorhersehung, zerfrisst meine Kraft. Nicht küssen kann ich, nicht beten, nicht zittern, nicht hoffen, nicht lieben. Denn ich bin die Wüste und in mir ist die Entbehrung.”

Traurig klimpertest du in meiner plötzlichen Stille und küsstest meine Blicke.

“Ich…ich glaube, dass du es schaffst. Ich hab da so ein Gefühl bei dir, ach…Parafina…Parafina…”

Wir bauten aus unserer Melancholie ein purpurnes Klavier auf dem wir den Wüstensand aus unseren Adern klebten. Die Tasten waren aus unseren dunkelsten Sternen und kreischten wie die Sirenen, denn wir sehnten uns nach dem Meer.

Du wandertest nie, nur deine Sprache schwang durch die leere Luft. Ich dagegen versuchte neue Spuren gegen den Wind zu setzen und eines Nachts sah ich den Rand der Wüste, an dem man die Sterne wieder erkennen konnte.

Dort traf ich einen Regenmacher. Er gab mir eine Leiter, damit ich dir einen Stern für deine erloschenen Augen holen konnte. Er begann den Regen für die Ränder zu erlächeln.
Und ich kehrte zu dir zurück und fachte Feuer in dir an, weil die Hoffnung begann, die Löcher in meinem Herzen zu flicken und das Seelentuch neu zu weben. Wir begannen zu beten. Nebeneinander sitzend. Auf- und abatmend. Wir suchten die Wolken am blutroten Himmel. Während du im Sternenstaub schliefst, pflanzte ich die Samen meiner Hoffnung in dein Haar.

Doch es geschah nichts.

Was haben wir gefleht.

Dann ein Mal verließ ich dich, hungrig nach dem Meer, und zog den Rand der Wüste an mein safrangelbes Kleid. Und sah das Paradies.
Aus meinen Herzschlägen erwuchsen die schönsten Lilien, die ich mir je erträumt hatte. Zum ersten Mal hörte ich Gras wachsen und fühlte den Atem des Meeres, der Wolken in mein sandiges Reich trug.
Und die ewigen geglaubten Wunden ertranken in Heilung. Ich pflückte einen Strauß blauer Kornblumen für Dich. Und ich suchte, suchte, suchte so verzweifelt nach Dir, aber der warme Regen ließ die Wüste in meinen Augen verschwinden. Und verloren legte ich mich in die kleinen Adern voll Wasser, die meinen Körper liebkosten. Der Mond hat schon die ganze Nacht so verheißungsvoll gelächelt. Das wußte ich, als ich wieder erwachte, mit den Kornblumen auf dem safrangelben Kleid. Der Nebel umgab die Hügel wie ein Mantel. Und der Sand roch schon leicht nach Erde.

Dann sah ich Dich und wußte, deine Tränen waren der Regen gewesen. Auf deiner Brust ein schwarzes Loch in dem kein Herz lag und auch kein Blut mehr war. Nur deine goldenen Augen riefen:

“Regen, oh, Regen!”

Wir lächelten, während ich die Krokusse erblühen sah und deiner Erlösung nachfühlte. Denn Du warst der Regenmacher.

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