einszuvierzehnmillionen

von A.J.

Dir wird nichts passieren, wenn du tust, was ich sage”, erzählt er ihr. Dabei lügt er, denkt er, es passiert immer etwas, irgendetwas, und wenn es nur ist, dass einem das Herz gegen die Brust schlägt oder ein Vogel auf das Autodach scheißt, so etwas passiert einfach, ohne dass man in dem Augenblick etwas dagegen tun könnte. Er lügt also, denkt er, aber was soll er ihr sonst erzählen, er muss ja etwas sagen, und vielleicht glaubt sie ihm es ja sogar, schön für sie, er glaubt es ja selber nicht, denn er weiß ja, dass es anders ist. Es passiert immer irgendetwas, denkt er, und man hat gar nichts in der Hand, um etwas zu tun in dem Moment. Er hat also gar keinen Einfluß darauf, denkt er: keinen. Aber irgendwas muss er ja erzählen, denn sie erzählt ja nichts. Er versteht überhaupt nicht, warum, er hätte so vieles zu erzählen in so einem Moment, denkt er, denn so etwas passiert einem ja nicht alle Tage, und dazu muss man doch irgendwas zu sagen haben. Aber sie zieht es scheinbar vor, nichts zu sagen zu haben, denkt er, sitzt einfach nur da, hinten auf dem Rücksitz, und beobachtet ihn im Spiegel. Natürlich, denkt er, sie kann mich ja nur im Spiegel sehen, ansonsten sähe sie ja nur meinen Hinterkopf, und wer will den schon gerne sehen, da sieht man nur meine Schuppen und sonst nichts. Gott, denkt er, ich hätte meine Haare waschen sollen, wie sieht denn das jetzt aus, sie starrt die ganze Zeit auf meinen Hinterkopf, und mir rieseln die Schuppen herunter, was denkt sie da wohl. Er wüsste sowieso gerne, was sie denkt, aber sie sagt ja nichts, sondern sitzt nur da, und hört ihm zu, wenn er ihr immer wieder wiederholt, dass ihr nichts passiert, wenn sie tut, was er ihr sagt. Aber was sage ich eigentlich, denkt er, ich sage ihr ja gar nicht, was sie tun soll, was sollte sie auch schon tun, man kann ja nicht viel tun in einem Auto, entweder man fährt oder man sitzt und schaut aus dem Fenster, da kann man nicht viel falsch machen. Und sowieso, denkt er, sollte niemand irgendwem sagen, was er tun soll und was nicht, das muss jeder selber wissen, die Leute schreiben viel zu oft anderen Leuten vor, was sie zu tun und was sie zu lassen haben, das sollte man nicht tun, denkt er, denn: jeder muss frei sein zu tun was er selber will, so sollte das sein. Aber selbst wenn einem die Leute nicht sagen was man tun soll schreiben sie es einem vor, denkt er, sie sprechen es nicht aus, aber sie schauen einen so an, wenn sie denken, dass es nicht das richtige war, was man getan hat, sie schauen einen so an, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, und beim nächsten mal traut man sich dann nicht mehr, selbst wenn es gar nichts falsches war, was man getan hat.

 

Er will ihr also gar nicht vorschreiben, was sie tun soll, er muss bloß irgendetwas sagen, also sagt er das, weil es irgendwie passt, vielleicht beruhigt es sie sogar, er würde sie gerne etwas beruhigen. Denn so etwas passiert einem ja wirklich nicht jeden Tag, und da weiß man nicht so genau, wie man sich verhalten soll, denkt er. Er weiß ja selber nicht so genau, was er tun soll, was jetzt passieren wird. Er weiß nur: dass immer irgendetwas passiert, ganz von alleine, ihr wird etwas passieren, und ihm wird etwas passieren, die Frage ist nur: was. Im Moment schlägt ihm nur das Herz gegen die Brust und der Schweiß läuft ihm über die Stirn. Und da noch nichts wichtiges passiert, erzählt er ihr weiter, dass ihr nichts passieren wird, wenn sie tut was er sagt, und fragt sich dabei, warum die Leute immer denken, dass es etwas schlechtes ist, wenn etwas passiert, denn man sagt ja immer: tu dies, lass das, sonst passiert was. Dabei ist es doch eigentlich gar nicht schlecht, wenn etwas passiert, denkt er, es können eine Menge tolle Sachen pasieren, jeden Tag, viel bessere Sachen als dass einem ein Vogel auf das Autodach scheißt oder so etwas, man kann Besuch bekommen oder zufällig ein altes Lied im Radio hören, das man schon fast vergessen hatte, man kann einen schönen Traum haben oder sich verlieben, denkt er, so was passiert. Oder man kann im Lotto gewinnen, denkt er, jede Menge Geld im Lotto gewinnen. Solche Sachen passieren einfach, und da muss man sich doch ehrlich fragen, denkt er, warum die Leute immer Angst haben, dass etwas passiert.

Er hat keine Angst mehr, dass etwas passiert, es passieren so tolle Sachen jeden Tag, ganz von alleine, und er wüsste nicht, warum er das schlecht finden sollte.

Er lässt sich auch nicht mehr sagen, was er zu tun und zu lassen hat, keiner kann ihm das mehr sagen, sagen schon, denkt er, aber nicht zwingen, er macht jetzt, was er will. Manchmal passieren so tolle Dinge, und dann wacht man morgens auf, denkt er, und weiß: du kannst machen was du willst. Er sagt ihr auf dem Rücksitz also nur, dass nichts passieren wird, wenn sie tut, was er sagt, damit sie sich nicht solche Sorgen macht, denn: die macht sie sich bestimmt. Die Leute machen sich ja sowieso ständig wegen allen möglichen Dingen Sorgen, denkt er, wo es überhaupt nicht nötig wäre. Dabei braucht sie sich ja überhaupt keine Sorgen zu machen, er wird ihr nichts tun, warum sollte er auch, sie sollte ja eigentlich gar nicht mitkommen, es ist bloß so passiert, wie die Dinge manchmal passieren, und jetzt sitzt sie auf seinem Rücksitz, denkt er, und wenn sie schon da sitzt, soll sie sich wenigstens keine Sorgen machen. Er würde sowieso nie jemandem etwas tun, denkt er, warum auch, und es wäre auch alles ganz anders gekommen, wenn sie nicht wieder versucht hätten, ihm vorzuschreiben, was er tun und was er lassen soll. Sie wollten ihn nicht machen lassen, dabei hat er doch gar nichts schlimmes getan, er hat keiner Fliege etwas zu Leide getan, und das würde er auch nie, denkt er, und deswegen versteht er auch gar nicht so recht, was sie eigentlich von ihm wollen. Aber sie haben ihn nicht machen lassen, sie lassen einen ja nie, denkt er, aber: er kann jetzt tun und lassen was er will, und er wird es jetzt auch tun, genau so, wie er es sich vorgenommen hat. Nur deswegen ist sie jetzt auf seiner Rückbank, denkt er, es ist nuneinmal so passiert, sie wollten ihn nicht gehen lassen, erst als er sie mitgenommen hat. Da musste er ihr leider vorschreiben, was sie machen soll, das heißt, eigentlich hat er sie gebeten, und sie hat mitgemacht, natürlich hat sie das, denkt er, denn soetwas passiert einem nicht jeden Tag, das ist für sie vermutlich wie im Fernsehen, nur dass sie sich auf einmal doch Sorgen macht, jetzt, wo das Polizeiauto hinter uns herfährt. So ein Aufwand, denkt er sich, und das alles wegen nichts. Und ändern tut es auch nichts, außer, dass sie Frau sich jetzt Sorgen macht. Komisch, denkt er, dass sie gar keine Fragen stellt, ihm würden eine Menge Fragen durch den Kopf gehen, wenn er in ihrer Situation wäre. Aber sie sitzt nur da, und beobachtete ihn im Spiegel, und haält sie Tüte auf ihrem Schoß fest, die er ihr gegeben hat.

Dass es heute so heiß sein muss, denkt er; alles juckt vor lauter Schweiß, dabei ist es eigentlich wunderbar, es wird sogar schon langsam dämmerig, die Sonne steht tiefer, und die Landschaft rast rechts und links der Autobahn in goldenen Farben vorbei. Sie kurbelt die Scheibe runter, die Frau, und die Luft zieht durch den Wagen, weil er seine Scheibe auch etwas heruntergekurbelt hat. Es riecht nach Heu, denkt er, so muss das im Sommer sein, solche tolle Sachen können einem passieren, Sommer und Sonne und eine schöne Frau mit im Auto und eine ganze Tüte Freiheit mit dabei. Kaum zu fassen, denkt er, aber manchmal passieren solche Sachen einfach.

Er hat aufgehört, seinen Spruch aufzusagen, so langsam wir sie es wohl wissen, denkt er, und sie scheint auch schon viel entspannter zu sein, trotz der Polizeiautos. Es ist das Heu, denkt er, ganz sicher, sowas entspannt die Leute. Jetzt klettert sie sogar zu ihm nach vorne, er weiß auch gar nicht, wieso sie die ganze Zeit hinten saß, vermutlich kommt sie jetzt nach vorne, denkt er, weil sie den Anblick seines Hinterkopfes nicht mehr ertragen kann. Er würde sich jetzt gerne mit ihr unterhalten, aber deswegen sind sie ja nicht hier, beide nicht. Es würde auch nichts bringen, denkt er, sie ist nicht sein Typ, nicht vom Aussehen her, sie sieht gut aus, blond, aber von der ganzen Art her ist sie nicht sein Typ, trotzdem ist es irgendwie gut, dass sie da ist, denkt er, einfach so.

Noch ein Stückchen fahren, denkt er, noch ein bißchen das Heu riechen, nicht mehr so weit fahren, er wird langsam müde, ein anstrengender Tag, kein Wunder, wenn so viel passiert, und man sollte ja auch nicht müde Auto fahren, erst recht nicht, wenn noch jemand im Auto sitzt, das ist ausnahmsweise mal eine sinnvolle Regel, denkt er, er würde auch nie betrunken fahren, aber das sind so Dinge, die er sowieso nicht machen würde, ganz egal, ob es erlaubt ist, oder nicht.

Auch das was er heute gemacht hat, ist nicht verboten, er hat nichts getan, was nicht erlaubt wäre, aber die Leute wollen einem ja trotzdem immer vorschreiben, was man zu tun und zu lassen hat, denkt er, selbst wenn es sie nichts angeht, und sie nichts damit zu tun haben, immer muss jeder seine Finger im Kuchenteig haben und meckern, dass er nicht schmeckt. Es passt ihnen nicht, was er tut, das ist alles. Vielleicht versteht sie es ja, seine nette Beifahrerin, vielleicht ist sie deswegen mitgekommen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich. Sie ist aus dem selben Grund hier, wie ich, denkt er: wegen der Tüte. Nur, dass sie etwas ganz anderes damit vorhat als ich, sie versteht nämlich kein bißchen, worum es mir geht, sie sieht es genau andersherum- aber was soll’s, denkt er sich, was soll’s.

Er lässt sich von ihr die Tüte reichen, er hat jetzt wirklich keine Lust mehr, er würde jetzt viel lieber draußen auf einer von den abgemähten Wiesen sitzen und darauf warten dass es dunkel wird, also lässt er sich die Tüte geben, greift tief hinein, und reicht seiner netten Mitfahrerin ein Bündel Scheine, weil sie so freundlich war, und mitgekommen ist, das ist ja vermutlich auch der Grund, warum sie so leichtfertig ja gesagt hat, Spannung und was zum Spielen, also, denkt er, muss er sich auch bedanken. Er reicht ihr einen Haufen Geld herüber, und jetzt sieht sie gar nicht mehr ängstlich aus, er fängt beihnahe an, sich ein bißchen vor ihr zu ekeln, aber: sie kann ja nichts dafür, sie denkt ja vermutlich auch, dass es schlecht ist, wenn Dinge passieren, und vielleicht sagt sie anderen gerne, was sie zu tun und zu lassen haben; wären die Dinge nicht, wie sie sind, würde sie ihm wahrscheinlich erzählen, dass er dringend ein anderes Shampoo benutzen sollte, und sowieso, wenn sie wüsste- aber sie weiß nicht, sie weiß nichts, aber vielleicht versteht sie es irgendwann, denkt er sich, später, denn so etwas passiert einem ja nicht alle Tage, so etwas merkt man sich, und vielleicht denkt man dann darüber nach, und dann versteht sie es vielleicht auch und erklärt es den anderen.

Vielleicht.

Er dreht seine Fensterscheibe jetzt ganz nach unten, die Luft ist schon viel angenehmer geworden, findet er, nicht mehr so drückend, und dann greift er mit der einen Hand in die Tüte, greift etwas Geld und hält die Hand samt Geld weit aus dem Fenster (wie vorhin, denkt er, wie vorhin, nur besser, und dass sie diesmal nichts machen können), und dann lässt er sie fliegen, die Scheine, einen nach dem anderen, und im Rückspiegel sieht er die dummen Gesichter der Polizisten, wie sie die Scheine an sich vorbeiflattern sehen. Zuletzt hält er die ganze blaue Plastiktüte nach draußen, und ein Papiersturm weht hinter seinem Auto her wie der Kondensstreifen eines Flugzeugs.

Ja, denkt er, sowas passiert nicht alle Tage, und er muss lachen, wie die junge Frau in der Zugluft herumflatternde Scheine zu fangen versucht, bevor sie aus dem Fenster nach draußen geweht werden, und sie hastig in ihre Taschen stopft. Er muss lachen, immer lauter, und dann nimmt er das Gas weg, und lässt den Wagen ausrollen: denn was soll jetzt noch passieren, denkt er, außer das ein paar Polizisten ein paar dumme Fragen stellen, und ein paar Ärzte schicken, die dann erzählen, dass er vermutlich verrückt geworden ist, was soll heute schon noch passieren, denkt er, außer, dass ihm vielleicht ein Vogel auf das Dach scheißt. Denn: sowas wie heute passiert nicht alle Tage, findet er, es ist Sommer und die Sonne scheint, und er hat eine schöne Frau zur Gesellschaft, und es riecht wunderbar nach Heu, und die Grillen zirpen, und was zum Teufel, fragt er sich, könnte einem besseres passieren?

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