Lev

von A.J.

Ich habe meine Flügel geöffnet und bin davongeflogen. Es hat mich fortgetragen wie mit einer Böe, von einer Brücke wurde ich zur nächsten geweht, bevor ich mich versah. In Sekundenbruchteilen scheine ich von einer Stadt in die nächste gewirbelt zu sein, obgleich doch Länder und Ewigkeit liegen zwischen meinem Hier- und meinem Dortsein. Es ist sich jedoch fast gleich: die Brücken, sie ähneln sich in all diesen Städten: Paris, Prag, Budapest. Es stehen Menschen an den Geländern, die husten und atmen und zwinkern und lange Blicke auf nicht existierende Landschaften werfen, bevor sie wie unbeteiligt weitergehen und sich stehen lassen über dem schmutzigen Grau. Sie schleichen nach Hause, gebeugt, manche schnell, als sei ihnen eingefallen, dass es doch noch etwas wichtiges gibt in der Welt, wohin zu eilen es sich lohnt. Wie von unsichtbaren Körpern getragen bewegen sich Tüten und Taschen und Mäntel voran und lassen ihre Träger unter einer Laterne stehend zurück.

Ich bin gereist. Ich war zu lange an einem Ort, ehe ich damit begann. Ich habe sie gesehen, all diese Städte, all diese Brücken; ich habe auf jeder von ihnen gestanden. Ich weiß jetzt: es lohnt nicht. Auf jeder von ihnen habe ich einen Fußbreit von mir stehen lassen müssen, und nun weiß ich nicht, wohin mit dem Rest. Der geflügelte Löwe, der mich trug, hat sich zur Ruhe gelegt und will jetzt bleiben; seine Flügel jedoch zucken noch an mir, wie jene geköpfter Hühner. Ich kann nicht zurück ohne ihn, doch er hat mir den Rücken zugewandt. Er sehnt sich nicht mehr mit mir fort.

Wie er kehre ich meinen Rücken den Menschen, ich erahne sie nur noch, wie sie dicht gedrängt in den Trams an mir vorüberrauschen, der Blick eines kleinen Mädchens vielleicht eine Sekunde auf meinem Rücken haften bleibt. Ich sehe von einer Brücke zur nächsten: die Karlsbrücke, flussaufwärts gelegen, in milchigem Abendlicht huschen die letzten Touristenhüte von einer Seite zur anderen. Ich wandere von einer Brücke zur nächsten. Ich habe den Fluß zu oft überquert. Ich verbringe zu viel Zeit zwischen den Seiten, seit ich nicht mehr weiter kann.

„Lev! Lev!“ ruft eine ältere dickliche Frau durch den Straßenlärm, während sie an mir vorbeirennt, einem braunen Hündchen hinterher, das in rasantem Tempo den Gehweg entlang flitzt, seine Leine hinter sich her schleifend. Die Frau hält sich im Laufen den überdimensionierten Busen, der dennoch schaukelt wie die Tasche in ihrer freien Hand. Mein Löwe liegt bloß da, das Hündchen setzt in einem eleganten Sprung über ihn hinweg, die Einkaufstüte der Frau streift zwei Schritte später durch die zottige Mähne. Er stört sich nicht daran. Er blickt weiter ruhig und starr die Straße hinab, als habe er nie etwas anderes getan. Ich möchte ihn laufen sehen, hin und herstreifend, immer entlang an den Geländern der Brücken, wie er es sonst tat. Es ist, als habe er plötzlich verstanden, dass dort gar kein Käfiggitter ist, als sei ihm erst jetzt aufgegangen, dass ihm gar nichts im Wege steht. Warum dann noch weitergehen wollen?

„Lev, Lev!“ höre ich es noch einmal von Ferne, ehe die nächste Tram vorüberrauscht und die Stimme der rufenden Frau überrollt.

Ich ziehe eine lackschwarze Feder aus meinem rechten Flügel, und stecke sie mir hinter das Ohr. Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas damit anfangen, überlege ich: man könnte ein Kissen damit füllen, oder jemanden an der Nase kitzeln. Vielleicht lässt sich damit auch schreiben. Aber ein letzter Versuch muss noch sein, ein letzter Versuch, nur von Brücke zu Brücke-

Lev? höre ich es wieder, ein letztes mal, wie von weit durch das Grau der Stadt, das Grau des Wassers, das Grau der Welt… Lev, kommst du?

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