unumgaengliche wahrheit.
von dunkelkind
es war spaet, als sie in das dunkle zimmer trat und - darum bedacht niemanden aufzuwecken - die schwere tuere schloss. da war es wieder. sie nahm ihn wahr, in jedem atemzug, in jeder bewegung, in jedem einzelnen geraeusch. sie schwirrte trunken von erinnerungen durch den raum und versuchte die gedanken, die sie immer wieder in einen ewigen kreis des fuer und wider fuehrten, anzuhalten.
tief durchatmen. sie zwang sich langsam auf ihre dunkelrote bettdecke, die, noch zerwuehlt von seiner wilden hand, auf der falschlaechelnden matratze lag. sein atem steckte noch immer in ihren kissen, wie ein irrtuemliches geschenk, das man ungeschehen machen moechte.
tief durchatmen. sie liess ihren blick wandern und betrachtete die weisse wand, die von der gnadenlosen strassenlaterne vor ihrem fleckigen fenster in steriles licht getaucht wurde. noch vor kurzem war diese schreiende flaeche eine grosse collage ihres gluecks gewesen. nun blieb leere - auf dem acryl und auch in ihrem herzen.
tief durchatmen. sie bewegte sich langsam, bedaechtig; erhob sich mit einer ihr inhaerenten dramatik von der buehne der verdammnis und stuetzte sich schluchzend auf ihren schreibtisch. ein weiterer ort, der sein bild getragen hatte. der ort, an dem sich die buecher tuermten, der ort, an dem er sie ein letztes mal mit einer unsagbar schmerzlichen dringlichkeit geliebt hatte, bevor er sie auf die von schwermut getraenkte matratze schleuderte. ein weiterer ort, den sie nicht mehr ertrug.
sie atmete tief durch. ein mal, noch ein mal. sie hielt die luft an und liess sich fallen. in ein loch ohne raum und zeit, ohne bilder, collagen, ohne luegen und falschen atem, ohne gebrochene versprechungen und schoene worte. sie gab sich mit jeder faser der - im dunkel verschwimmenden - illusion ihrer wunschtraeume hin und grub splittrige naegel in ihre bleichen wangen.
doch es hielt nicht an, da war es wieder. es waren zehn sekunden, vllt. zwoelf, bis sie ihre schwarzen pupillen ruckartig oeffnete und die kalte wand seine toten worte reflektierten. sein laecheln, seine beruehrungen, seine wilde liebe und all die leidenschaft.
sie atmete tief durch. die widerwaertige fratze die ihr entgegen starrte nickte wissend. sie konnte ihn nicht abschuetteln, wie einen klaeffenden strassenkoeter. es war klar und deutlich wie seine abschiedsworte, die ihren kopf unaufhoerlich zum haemmern brachten. es war unmoeglich. doch wenn sie ihn schon nicht abschuetteln konnte, wollte sie ihn wenigstens fuer immer mit sich verbinden, wie sie ihn sich angeeignet und ihn zu einem viel zu grossen teil von sich gemacht hatte, wollte sie ihn auf die ewigkeit bei sich tragen.
sie atmete ein letztes mal und schrieb sich unter traenen seinen namen auf die magren, von verderben gespeisten rippen. und sie schluchzte, schluchzte und schrie stumm; fortwaehrend und ohne halt. und ihre zittrigen haende erhoben sich im schein der laterne blitzend, wieder und wieder, ueber eine mit pastellfarben gemalte welt.
