Mutti
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von ungesagt
jeden tag sprichst du zu mir.in einer fremden sprache.deinen mund starre ich an.großäugig, als wäre er ein ort, ein ziel, eine heimat.ich kann sie nicht greifen.ich beobachte die bewegungen deiner lippen, so klar, wie ich nichts anderes zu sehen vermag.erlerne silbe für silbe.bis ich das gefühl oder die gewissheit habe,dass du schon wieder gewechselt hast.und ich weiß nicht woher du sie hast,diese ganzen unaussprechlichen sprachen.diese fremden gebilde,die dein vertrauter mund so selbstverständlich artikuliert in meine richtung.und die so gar nicht ankommen.bei mir.die sich,aus deinem mund,zu einem strick verweben.eingeschnürrt versuche ich sie zu entziffern.setze ewig einen buchstaben zum anderen.kombiniere die mir so unnahbaren zeichen,um mir ein bißchen luft zu verschaffen.versuche gemeinsamkeiten zu finden zwischen deinen und meinen lauten.kann nicht einsehen,dass es keine gemeinsame sprache gibt.für zwei menschen.
sondern immer nur:einen menschen.und:eine sprache.
von dunkelkind
schliesse lieder, berge farben nach langen stunden im dunkel. sehe: knochen, sehnen, transparente haut.
erwache. und aengstige mich. sehe: schlaeuche.
alptraeume fort. weit, ins schwarze.
erwache wieder. sehe: weinende gruenaugen.
und immer
:halte ich deine hand
von kirschprinzip
Im Alter von zwölf Jahren war ich besonders gut im Tragen von Sweatshirtjacken, die zwei Nummern zu groß sind. Ich befand mich in einem anstrengenden Entwicklungsstadium und war mir darüber bewusst, dass das Tragen der zu großen Sweatshirtjacken perfekt mit dem Tragen einer zu großen Verantwortung harmonierte - die Verantwortung hob die Definition einer unbeschwerten Kindheit aus den Angeln. Die Verantwortung hob die Definition einer unbeschwerten Kindheit aus den Angeln, während wir familiär und zu dritt auf unserer Zweiercouch saßen, um uns eine Sendung im Fernsehen anzusehen, die mysteriöse Kriminalfälle in Amerika thematisierte. Es war viertel vor eins und das Verhalten meiner Mutter wäre in Erziehungsratgebern als unverantwortlich definiert worden - sahen andere Kinder in unserem Alter Fern, dann grundsätzlich nachmittags und nicht länger als eine halbe Stunde. Ich hatte schon früh beschlossen, keine weiteren Schäden von diesem unverantwortbaren Zustand zu tragen. Auf dieser abendlichen Fernsehscheiße beruhte eine Zeitspanne, die erträglich und dadurch außergewöhnlich großartig war. Meine Mutter lächelte und aß überdimensionale Schokoriegel, die sie sich kurz zuvor an einer anderthalb Kilometer entfernt gelegenen Tankstelle gekauft hatte. Wenn sie massenhaft Snickers aß bedeutete das für mich nichts anderes, als dass sie ihren Alkoholentzug mit Kalorien zu kompensieren versuchte- ich nahm in diesen Momenten nichts anderes war, als dass sie sich überhaupt zu einem kurzzeitigen Alkoholentzug entschlossen hatte und mutierte aufgrund dessen zu einem euphorischen Kleinkind. Sie nervte dieses kleinkindliche Verhalten zu Tode und sie nervte es zu Tode, wenn ich aus meiner Fröhlichkeit heraus plötzlich anfing, eine Oktave höher zu sprechen - deswegen unterdrückte ich all diese Verhaltensmuster und sagte überhaupt nichts mehr. Ich verhielt mich neutral, während sich in meinem Innern die unterdrückte Euphorie zu etwas formte, das mir physisches Unbehagen bereitete. Ich zog das physische Unbehagen dem psychischen Unbehagen vor und weiß nicht genau, ob ich das heute bereuen soll. Meine Situation war ausweglos, weil meine Mutter der einzige existente familiäre Zusammenhang und ich von ihr abhängig war. Ich liebte sie und ich liebe sie noch heute, in ihrer Radikalität und in ihrer Unentschlossenheit und in ihrer Depression und in ihrem generalisierten Angstzustand und ihrer Hilflosigkeit.
von Wechsel-Haft
Das Wegdrehen des Kopfes, während seines Schlafes, war systematisch. Hätte es in der Stille geknackt, wäre es wohl die Folge eines Genickbruches gewesen. Doch das war es nicht.
Sie wußte schon länger, dass ihm etwas begegnet sein musste. Er war seit dem Tag, an dem er sich auf Arbeit krankgemeldet hatte, in seinem Schlaf ein Anderer, ein Fremder. “Ich geh spazieren.” hatte er lächelnd gemeint und war dann für Stunden verschwunden. Sie machte sich keine Sorgen. Er war immer schon eigen, gar kauzig, gewesen in seinen Anwandlungen. Das einzig Seltsame war die Krankmeldung, denn er war ein leidenschaftlicher Workaholic. Und noch nie krankgemeldet. Doch da sie ein Mensch der abwartenden Sorte war, sagte sie nichts dazu.
Einige Tage später, bemerkte sie dann seinen veränderten Schlaf. Bis sie einschliefen verlief alles gewöhnlich: Sex, Bücher lesen, Gespräche, Streitereien, Schweigen. Im wachen Zustand nichts Neues. Da sie öfter des Nachts vor Durst erwachte, bemerkte sie die Veränderung seines Schlafes. Er bewegte sich abgehackt, wie eine fadenkreuzgelenkte Puppe, und ab und an, starrten seine Augen, offen und rot glänzend, in die schwüle Luft des Schlafzimmers. Doch er nahm nichts wahr.
Noch weitere Tage später begann er im Schlaf zu erzählen. Er unterhielt sich wohl mit jemanden.
Sie hörte zu, eher fasziniert, als besorgt.
“weißt du, ich habe schwarze flügel und trage trauer, aber der löwe lässt mich nicht springen, lässt mich nicht nach hause, ertränkt mich in heimweh…was passiert…ach, was passiert…diese augen, die meinen sehen alles so belanglos an…es passieren so schreckliche dinge…alle schauen zu wie gelähmt…enttäuscht…paralysiert…weißt du, ihre Energien sind verstopft…ach, der löwe lässt mich nicht springen, lässt mich nicht fliegen, hinab…das ist heimweh ohne heimat…fern zu himmel…blassrot…” Dann folgte meistens dieses seltsame seitliche Fallen des Kopfes.
Irgendwann legte sie eine Hand auf seinen Arm, bevor er aus der Haustür zur Arbeit hinaustrat. Die Hand trug mehr Botschaft in sich, als ihre Augen und die Worte, die ihre Stimme trug. “Was ist mit deinem Schlaf?” Er blieb kurz stehen, legte seine Hand kurz über ihre, schmunzelte leicht. “Ich zähle Leichen, wie Schäfchen.”
In der folgenden Nacht zählten sie gemeinsam. Bis sich das Heimweh auflöste.
von A.J.
Ich habe meine Flügel geöffnet und bin davongeflogen. Es hat mich fortgetragen wie mit einer Böe, von einer Brücke wurde ich zur nächsten geweht, bevor ich mich versah. In Sekundenbruchteilen scheine ich von einer Stadt in die nächste gewirbelt zu sein, obgleich doch Länder und Ewigkeit liegen zwischen meinem Hier- und meinem Dortsein. Es ist sich jedoch fast gleich: die Brücken, sie ähneln sich in all diesen Städten: Paris, Prag, Budapest. Es stehen Menschen an den Geländern, die husten und atmen und zwinkern und lange Blicke auf nicht existierende Landschaften werfen, bevor sie wie unbeteiligt weitergehen und sich stehen lassen über dem schmutzigen Grau. Sie schleichen nach Hause, gebeugt, manche schnell, als sei ihnen eingefallen, dass es doch noch etwas wichtiges gibt in der Welt, wohin zu eilen es sich lohnt. Wie von unsichtbaren Körpern getragen bewegen sich Tüten und Taschen und Mäntel voran und lassen ihre Träger unter einer Laterne stehend zurück.
von Cat
Über diese Brücke laufe ich nun schon seit 20 Jahren,
mit mir laufen stolze Gesichter denen egal geworden ist, was sie sehen.
In ihren Augen spiegeln sich Schlaflieder aus alten Zeiten
denn sie verlaufen sich traumgleich jeden Tag in derselben Stadt.
Es bedeutet nicht allzuviel für mich
etwas für sie zu bedeuten.
Ich sehne mich still nach einem Ende
mit Schrecken, von mir aus, aber nach einem Ende.
Dort drüben steht die grüne Straßenlampe
die mich an jedem Abend sieht
und meinem Schatten Flügel wachsen lässt.
Wenn ich jetzt die Augen schließe und mir vorstelle, wo ich sein könnte
nicht hier auf dieser Brücke, mein ganzes Gewicht dieser Balustrade anvertraut,
den blinden Augen ausgesetzt, die mich fragend anstarren,
sondern ganz weit fort,
dann sehe ich die Farben meiner Heimat.
(Die Felder sind schwarz. Die Schloßfenster still.
Der Teich ist tief und die Kiesel knistern wie kalte Schneekristalle.
Die Disteln blühen lilablass, hier am versalznen Ufer
Ich mag sie.
Die Nacht- und Nacht und Immerlicht
weite blasse Welt hinter grünem wilden Wald
und dem grauen Regen auf den blauen Wassertonnen.)
Ich muss an Winternächte denken und an Benn
‘Asphodelen der Proserpina geweiht’
und ‘der Weisheit Schild im Winter
als die Sonne geboren wird.’
Und da steht sie nun unschuldig vor mir
die sogeliebte Erinnerung, in schwarze Flügel gehüllt
und die ganze Welt in gestaltlosen Flammen
einen Wimpernschlag lang.
Im sachten Dunkel fällt Hagel auf die grünen Straßenlaternen.
Die Lichter sind strahlengekrönt,
wenn ich die Augen zukneife
dann werden ihre Schatten auch zu Flügeln.“