…wie ein Buch, lüge…
von Wechsel-Haft
Drei Tage vor Weihnachten zerrten sie mich aus der Maisonette-Wohnung meines Stiefvaters, der Seemann und der Computerfreak. Meine Erschöpfung war zu groß als dass ich mich wehren könnte, mein Kampfgewicht war auf 65 Kilo abgesackt, außerdem lag ich verknotet in einem Berg weißer Bettwäsche, begraben unter der Beschallung dämlicher mitleidsheischender Werbeaufrufe verschiedenster Hilfsorganisationen. Ich hatte also keine Chance. Null.
Als der Satz, “Er möchte Dich sehen. Du musst kommen.”, fiel, hatte ich auch noch mein bißchen Stolz und Pseudowillen verloren. Er wollte mich sehen.
Der Seemann grinste in seinen ganzen 1,90m, der Computerfreak rauchte genussvoll seine Luckie, dann packten sie mich, zerrten mich fünf Stockwerke nach unten und stopften mich auf die Rückbank des Minis mit dem schwarzweiß karierten Dach.
Eingewickelt in meinen Designerwinterklamotten, aus denen das rote Seidentuch von Gautier besonders aus dem schwarzen Rest hervorstach, sackte ich auf der Bank zusammen, starrte aus dem Fenster mit dem Blick einer müden Blinden.
All die Lichter, all die Menschen, all die vertrauten Fassaden langweilten mich. Alle Gedanken und Erinnerungen, die aufstiegen, waren gesichtslos und nichtssagend.
Der Seemann und der Computerfreak beobachteten mich im Rückspiegel und spuckten mir Worte entgegen, die auf mir ausrutschten.
“Du hast dich gemacht, die letzten zwei Jahre. Du wirst immer schöner mit dem Alter. Siehst du auf deiner Arbeit auch so aus?”, kratzte die Stimme des Seemannes an mir. Ich schwieg mein Nicken aus. Der Computerfreak grinste blöd. Kurz regte sich der Verdacht, er stünde unter Drogen, doch dann zuckte ich kaum merklich mit den Schultern und versank unter meinen Festungen aus Haar.
Schließlich gelangten wir unter mehreren lebensbedrohlichen Alltagssituationen ans Ziel. Sie zerrten mich aus dem Wagen, nahmen meine Hände und führten mich, als wäre ich ein kleines, schwaches Mädchen durch die Tiefgarage. Wir quetschten uns in einen Fahrstuhl, so dass meine Gedanken zu kotzen drohten. Sie bekamen aber nicht die Zeit dazu und so polterten wir aus dem Fahrstuhl in die Vorhalle der Billyardfabrik. Mein Herz rannte aus, war eine Sanduhr, als meine Augen sich an ihn saugten, sich einer lächerlichen Hoffnung bemächtigten, die an ihren Gefängnisstäben rüttelte, mein Blut in Unruhe versetzend.
Ich war ein kleines, schwaches Mädchen.
Verloren stand ich hocherhobenen Hauptes vor dem Thresen, in meiner militärisch schwarzen Kleidung und dem roten Tuch von Gautier, meinen üblichen trotzigen Gesicht und schaute ihn an.
Er lächelte, trocknete ein Bierglas zu Ende ab und kam ruhig zu mir. Schwarz gekleidet, wie seit jeher schon. Nur die Umarmung war anderes, distanzierter. Die Stimme bohrte sich in mein Ohr. “Hallo, Schätzchen…”
Meine Antwort ein müdes, verlorenes Lächeln und ein Schweigen, das sich nicht entscheiden konnte, vorwurfsvoll oder neutral zu sein.
Meine Eskorte hob mich auf einen Barhocker, ich ließ alles geschehen. Mein Blick war gefangen, geheftet mit Bildern an ihn. Er verschwand in seinem Tun, mit einer professionellen Geschwindigkeit. Bediente Kunden, wusch Gläser, bereitete Cocktails. Mein Kopf folgte all seinen Bewegungen, ich nahm nichts anderes wahr. Stunde um Stunde verging. Meine Hoffnung versklavte mich, selbst als Müdigkeit begann mich zu umgarnen, presste die Hoffnung alles mit einer aggressiven Gewalt herab.
In einer ruhigen Phase, verscheuchte er den Seemann und Computerfreak von meiner Seite, setzte sich neben mich und schenkte mir eine Zigarettenlänge seiner Zeit.
Die Frage nach meinem Ergehen kam rasch und zerfetzte mit einem Hieb meine Hoffnung.
Ein Atemzug befreite sich aus meinen Lungen, ein Laut gurgelte aus meiner Kehle. Ich machte mich lächerlich, machte mich kindisch, lächelte mitleidheischend, wie die Hilfsorganisationen, um eine milde Spende. Es wurde Zeit zu lügen wie ein Buch, lüge, wie ein Buchstabe, ein Wort ein Bild, mahnte ich mich. Und ich log.
Ich log. Ich leugnete meine Leben, ich leugnete mein Gesicht, ich leugnete alles. Alles.
Meine Lippen formten eine Geschichte über eine Geschichte, legten Wort über Wort und Buch über Buch. Meine Augen spielten mit. All dies in eine Zigarettenlänge gepresst.
Am Ende des Filters lächelte er. “Du bist müde.”
Sagte er. Sagte er, als hätte ich nie etwas gesagt.
“Schönes Tuch.”, hängte er hinten an. Er wandte sich ab, verschwand hinter seiner Arbeit, nickte kurz dem Seemann und dem Computerfreak zu, die mich unter den Armen packten und bestimmt heraustrugen, während mein Gesicht verschwand hinter der Festung aus meinem Haar.
