Dankend abgelehnt.

von Wechsel-Haft

-Leider hat mich die Streetuniversity abgelehnt. Meine Referenzen seien nicht prägend genug.- Ein tiefes zwiespältiges Seufzen entringt sich seiner, meiner Brust. Zwiespältig, da die Erleichterung, noch ein Mal des freiwilligen Entbehrens davongekommen zu sein, darin mitschwingt. Das Bedauern scheint unaufrichtig zu sein. Mein zeitgleiches Seufzen hingegen ist nur Ausdruck meiner tiefen Enttäuschung, die sich anmaßen kann seine zwiespältige Äußerung zu begleiten. Er lächelt mir zu, gut gesichert durch den Tisch, der unsere Stühle auf Abstand hält, gesichert durch den Teelöffel in seiner linken und den Becher Tee in seiner rechten Hand.
Ich starre ihn an, der Verkehr auf der großen Kreuzung würde jeden Sprachgebrauch meinerseits besiegen, so dass ich fortfahre mit dem Zinken der einfachen stahlgehärteten Gabel in meiner rechten Hand, den Tisch des Cafés zu ruinieren.
-Maybe, es ist besser so, was meinst Du?-
Ich lege die Gabel einen Moment hin, schnappe mir meinen Kaffee und den Würfelzucker, nebenbei nicke ich nur müde als Antwort auf seine Frage, dann fange ich an das beinahe schwarze Gebräu mit Würfelzucker zuzustopfen. Es passen zwölf Würfel hinein, bevor das Fass zu überlaufen droht, ohne umzurühren trinke ich das Gesöff in einem Zuge aus. Es würgt mich, mein Magen stockt irritiert.
Ich blicke wieder in das Gesicht gegenüber, es steht noch immer dieses hilfeschreiende Lächeln darin, dass mich anekelt, wie das Gesöff, das sich durch meinen Magen frisst, mich anekelt, weil es spiegelt, es spiegelt so viele Menschen, mich selbst eingeschlossen.


Er kann ja nichts dafür, versuche ich mir einzureden, während meine rechte Hand ihre Arbeit auf der Tischplatte wieder aufnimmt, er kann ja nichts dafür, dass er ein Kind unserer Generation ist, er kann nichts dafür, dass unsere Großeltern herrisch die Erfahrung für sich behalten, was es bedeutet Todesangst zu haben, was es heißt Entbehrung zu leiden. Was es heißt, ums nackte Leben zu kämpfen.
Die Gabel rutscht ab, da mir etwas die Galle hochkommt, ich speie aus auf die hochglänzenden Granitplatten des Fussweges neben unserem Tisch.
Ich schaue entschuldigend, vielleicht flieht mir auch ein Wort über die Lippen. Meine Taubheit lässt es nicht zu darüber Gewissheit zu haben.
-Ist schon gut. Solltest vielleicht ein wenig mit dem Zucker aufpassen…- Sein Gesicht wird mir nichtssagend. Ich weiß, dass ich zur Übertreibung neige, vielleicht sollte ich mich als Dramaqueen versuchen. Die Gabelspitze findet wieder ins Holz, meine Hand betreibt diese Anstrengung mit einer mir fremden Leidenschaft.
In mir steigen leere Blasen auf, ich zische verächtlich, als ich erkenne, dass es Bilder meiner Eltern sind, die auch nichts dafür können, dass sie nur das Beste wollen. Allein die Andeutung dieser Tatsache lässt meinen Magen wieder aufjaulen. Mutter, wie sie immer sagt, nimm diese Creme, ess nur das, trink keinen Kaffee, nimm bloß keine Drogen, verzichte auf dies, verzichte auf jenes und hör endlich mit dem Süßkram auf, du siehst ja, wie es bei mir wirkt, du wirst weniger Falten haben, mehr Erfolg bei den Männern (Sie ist in ihrer zweiten Scheidung, und das mit den Falten- ach, lassen wir das.). Als ich ihr ein Mal sagte, dass ich es mag zu sehen, wie ich altere, weil es mir zeigt, dass ich den ganzen Mist nach und nach irgendwie überlebe, da war sie beleidigt und sprach tagelang kein Wort mit mir.
Auf der Kreuzung kracht es. Unsere Köpfe drehen sich mühsam in die Richtung des Unfalls, bleiben müde an den Glassplittern auf dem Asphalt hängen. Kaum einer macht Anstalten aufzustehen und nachzuschauen. Einige zücken ihr Handy und rufen die beste Freundin an, einer vielleicht die Polizei. Als aus den beiden Autos alle Insassen mehr oder weniger unbeschadet aussteigen, wende ich mich achselzuckend ab, ein wenig verärgert, ob meiner Nutzlosigkeit. Meine Hand, die verharrt war über ihrer Arbeit neigt sich wieder hinab.
Der ganze Mist. Bequemlichkeit hat mich stumpf gemacht, in einem seltenen klaren Moment, weiß ich, dass ich in der Hölle bin. Die Hölle legt mich in weiche Polster, lullt mich in Sicherheit ein. Mein ganzes Leben habe ich mir noch nie etwas gebrochen oder etwas riskiert. Das kommt garantiert von dieser Erziehung und dieses Bild von Vernunft. Gräßlich.
Ich greife mit der linken Hand nach einem Zuckerwürfel und schiebe ihn in den Mund. Er wirft mir einen tadelnden Blick zu, ich zucke mit den noch ein Mal mit den Achseln, während meine rechte Hand ablässig ritzt.
-Was machst du da eigentlich?- Er versucht zu erkennen, was auf der Tischplatte entsteht.
-Put…yo..your?…fucking…lii…life!…on a li..?-
Während er rumstottert, ritze ich endlos weiter, lutsche an dem Zuckerwürfel und wünsche mir einen verrückten Tyrannen an die Spitze der Macht, einen der alles ins Chaos stürzt. Der Gedanke erinnert mich daran, dass ich stets schon ein eher schlechter Demokrat bin.
-Put your life on line!- Er lacht verunsichert. Ich nicke leicht. Dann stehe ich entschlossen auf, der Stuhl kratzt etwas am Granit, schmeiße die Gabel auf den Tisch, krame meine Penunzen hervor. Lege einige Münzen auf die Platte, dann nicke ich einen Abschied und wende mich zum Gehen, während meine Hände in Jackentaschen verschwinden, denke ich über meine Kündigung nach und über die Rückgabe der Ehre, die mir durch die Bequemlichkeit zuteil geworden ist. An der Kreuzung rette ich einer jungen Frau das Leben, indem ich sie von der Strasse reiße, bevor der Bus sie erfassen kann, dann tarne ich mich in der Menge.

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