Abschiedsgespräch mit einem Stein [.dein Lied.]

von just.a.girl

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday...

Wage jetzt nicht zu sagen, dass es dir Leid tut.
Sei zumindest jetzt einmal ehrlich, zumindest hier.
Ich weiß ganz genau, dass du das so wollest,
du hast immer nur das getan, was du wolltest
Warum solltest es ausgerechnet dieses Mal anders gewesen sein?
Und schließlich haben wir ja oft genug darüber geredet.

Wie oft lagen wir auf dem Bett  und haben die Punkte an der Decke gezählt, während dieses schaurige Stück im Hintergrund gespielt hat, was ich nie ausstehen konnte.
Du meintest immer, du könnest bei jedem Ton die traurige Sehnsucht spüren, die in diesem Stück steckte.
Um das zu spüren brauchte ich nie irgendwelche Musik. Ein Blick in deine graugrünen gesprenkelten Augen genügte.
Ich wusste, dass du irgendwas suchst, was dir keiner geben konnte.
Nicht einmal ich und ich wusste, du würdest irgendwann auf die Suche gehen, dorthin wo ich dir nicht mehr folgen konnte.
Ich wusste es immer aber ich hoffte trotzdem, dass dir das, was du hier hattest, genügen würde.
Dass ich dir genügen würde.

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Gelesen

Ein Lied von Liebe und Tod

von Kindermund

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday

eins.

Nachdem du mir die Seidentränen
ohne hinzusehen
aus den Augen gesogen hast,
verließ ich deinen Schatten, wortlos.
Fort, hinfort:
ich habe eine Stadt,
deren Straßen ich nun kenne und
in deren Gassen meine Trauer rinnt.

zwei.

Ein Faden Seide lag noch in meinen Augen,
als aus deinem Schatten ein Licht wurde,
das mich holen kam,
ein regloser Traum von einem seidenen Baldachin.
Mit leeren Händen musstest du gehen.
Die letzte Faser Seide, sie reichte kaum
für ein Tuch,
nur das musst du versprechen mit dir zu nehmen,
damit ich es nie wieder sehen muss.
Denn meine Augen sind nun kalt.

drei

Selbst meine Stadt ist nun grau und kalt
meine Habseligkeiten brauche ich nicht mehr
ohne sie passiere ich das Tor,
das mir nun ein fremdes ist.
Außerhalb meiner Mauern werde ich einen Ort finden,
an dem es warm sein wird
und ich werde es hinein betten können,
mein perlmuttfarben Herz
damit es schlafe
und träume
träume

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Verflogen

von Isaban

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday

Dein Koffer steht noch auf dem Dachboden. Wenn ich verquer bin, packt mich die Aufräumwut. Dann beginne ich, an irgendeiner Ecke zu räumen und zu räumen und finde irgendwas, an dem ich mich festhalten kann, bis sich das Atmen wieder so anfühlt, wie das, was man immer tut. Ich habe ewig gewischt, gescheuert und geputzt, bis das alte, spröde Leder nicht mehr klebrig und staubig war. Sogar unter den Schnallen. Als wäre es ein Ritual, als dürfte ich den Deckel nicht eher heben, bis ich alle Regeln befolgt habe. Gerade ich und Regeln. Und Putzen. Du hättest gelacht. Und nach Honigtabak geduftet.
Manchmal drehe ich mich heute noch um, wenn ein Pfeifenraucher an mir vorbei geht. Wie kann man sich vor Zigaretten so ekeln und sich beim Duft von Pfeifentabak zu Hause fühlen?
Von dem Lederpflegezeug muss ich mir noch was besorgen. Inzwischen sieht die Oberfläche wirklich rissig aus. Dein Mantel ist drin. Anthratzit und warm und kratzig. Wie du. Pfeffer und Salz, graumeliert, damit man Flecken und morsche Stellen nicht sieht. Deine Worte. Er passt mir.
Ich weiß gar nicht, was das damals war. Ich konnte nicht heulen, nicht nachgeben, nicht zugeben. Aber lügen konnte ich, wie gedruckt. Und so tun als ob. Es gab für alles die passende Lüge.
Heulen habe ich inzwischen gelernt, nicht damals, hinterher, irgendwann.
Du warst da, als ich nicht wusste wohin, du hast keine Bedingungen gestellt. Du warst so alt. Mir kamst du damals so alt vor. Alt und kantig. Und ich war so jung. Damals. Und trotzdem, da war was. Nichts, was mit Vögeln zu tun hatte, aber da war was. Das Gefühl, mal nicht auf der Hut sein zu müssen, mal nichts falsch zu machen.
Gesummt hast du, wenn ich mich wach geträumt habe und gelacht, wenn ich was kaputt gemacht hab und über meinen Zorn und über mein Fluchen und über das Zeug, das ich gegessen habe und als ich in deine Hausschuhe kotzte. Und du hast immer Deine Kleine zu mir gesagt. Nicht meine Kleine. Ich hab mir gehört. Deshalb bin ich bei dir geblieben und habe mir das Lügen abgewöhnt.
Dein Mantel fühlte sich so richtig an. Und das tut er immer noch. Jetzt. Nur der Tabak duftet nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich die Dose aus deiner Manteltasche zu oft aufgemacht, um dich noch mal zu riechen.

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Musik am Totenbaum

von Grufti.Ente

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday…

Die Geige verklingt nicht mehr und während du neben mir auf dem Klavier spielst, lasse ich den Bogen über die Saiten gleiten.
Wir haben diesen Ort den “Totenbaum” genannt, weil sich hier unsere Mutter erhängt hat und unser Vater sich darunter in den Kopf schoss, weil er es ohne sie nicht mehr aushielt.
Und wir zwei musizieren hier.
Eigentlich makaber.
Aber auch das ist jetzt egal.

Mutter war Musikerin. Sie war sogar berühmt. Aber dann kamen wir und mit uns der Absturz. Man könnte meinen, wir hätten unsere eigenen Eltern umgebracht.
Das Klavier hier heraus zu tragen war nicht einfach. Aber jetzt steht es hier und die Kastanienblüten umwehen uns.
Ich lächle dich an und du lächelst mich an.
Du wolltest spielend sterben.
Ich greife in den Geigenkoffer, nehme die Waffe und erschieße dich kurz bevor das Stück zuende ist.
Warte auf mich, ich folge dir gleich.

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Sinneseindrücke zu Rezso Seress - Gloomy Sunday

von lebendigbegraben

Gelesen von Cat

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday…

Die zarten Saiten öffnen mir
Durch ihre Klänge Tür und Tor
Dringen fließend, zärtlich, sanft
Durch meinen Mund und durch mein Ohr.

Eröffnen Welten voller Farben
Voll von leuchtend süßen Früchten
Reichen mir der Musen Gaben
Und drängen trotzdem mich zu flüchten.

Ich will nicht weichen, will nicht gehen
Will für immer hier bestehen
Will der Klänge Farben sehen
Doch weder Betteln nutzt, noch Flehen

So treibt die Zeit mich aus der Welt
Die Geige leitet sanft den Geist
Hinaus, dorthin, wo nichts gefällt
Wo „Leben“ reines Atmen heißt

Doch eines Tages komm’ ich wieder
Werde wieder Töne spüren
Lege meine Sorgen nieder
Lasse mich erneut entführen.

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Grabesrede (nur zum kurz-verweil)

von Cat

Beitrag zum Projekt: Gloomy Sunday

Diese große namenlose Stadt nennt sich immer noch Heimat.

Unheilvoller Westwind und das leise Klappern von Holzperlen über deinem Herzen.
Mein Blick verweilte lange dort auf dem Weg hinauf zum gestirnten Grund.

Zu selten kam einer vorbei, der dich sah als die Sonne geboren wurde.
- im mohnroten Kleid, aus dem feinen Gespinst derer die den Schlaf nicht kennen-

Das Mondlicht unter der Buche hat es zerissen.
Und ich hatte nur Worte als meine Heimat starb.
Die Zeit steht der Unschuld entgegen.

Im Winkel trägt man noch den alten Glanz und ein feingesponnenes Leben.
Es gleicht einem Grab, wenn es regnet.

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Heimwee

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von paradoxa

Seit dem du weg bist fehlt mir mein Parser, der mir die Welt in Partikeln, Nomen und deklinierte Verben zerteilt, der mir Möglichkeiten für eine treffende Semantik ausspuckt. Ich verstehe nicht mehr was die Leute sagen, sei es „Gut Nacht, ich geh ins Bett“, „Wir sehen uns zu Hause“, „Deutschland ist Papst“ oder „Vor kurzem war der fünfundsiebzigste Jahrestag von Hitlers Machtergreifung“. Es sind nicht mehr als Schwingungen in der Luft, ein Geigenanfänger beim üben, ultraviolettes Licht. Die Morgen ohne dich sind apricot wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, ich friere. Der Löwe unter der Laterne kommt mir fremd vor. In seiner Mähne kann man lesen, dass er diesen affektierten Globus monieren könnte bis zum ersten Wort. Wir sind herausgerissen und wissen nicht wohin uns die Brücke treibt im großen Ozean der Heimat. Die Marionetten sind verschwunden und ich weis nicht mehr wohin. Im Frack sehe ich aus wie ein Pinguin der versucht zu fliegen auch wenn er insgeheim weis, dass er kein Huhn ist. Meine Heimat ist fort, doch immer noch steh ich auf dem altbekannten Kopfsteinpflaster und weis nicht wohin. Du warst der Steg zwischen meinem Leben und mir, jetzt bin ich nicht mehr, der letzte Gedanke ist schon lange her, verloren. Im Herzen tragen wir unsre ersten Schokoladeneisflecken gleich neben dem Plüschelch der uns mit seinen larmoyanten Knopfaugen in die Mundwinkel blickt. Ich frage mich wann ich gegangen bin.

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