Prominenz

Heute war ich bei einer Freundin zu Besuch, wir haben fern gesehen, unter anderem. Sie besitzt eine Satellitenschüssel, oder wie das Ding heißt, ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Sender es gibt, die sich wie viele Nischen suchen für ihr Programm, - aber darüber vielleicht ein anderes Mal mehr. Zu Hause schaue ich nicht fern, oder selten, ich schicke das voraus, um hier nicht als Fachmann zu gelten oder gelten zu wollen.

Wir haben also eine Sendung über Prominente geschaut, zunehmend hat mich verbittert, dass ich keinen davon kannte, und meine Freundin machte natürlich meine ständige Frage: „Wer ist das?“ auch ebenso zunehmend aggressiv. Und selbst wenn ich sie gekannt hätte, so hätte mich ihr ödes Privatleben überhaupt nicht interessiert, es war insgesamt so durchschnittlich, dös es a Sau graust, wie wir Bayern sagen. Sie verlieben sich, sie lassen sich scheiden, heiraten, trennen sich, haben Schulden oder ein Vermögen, einen Film gedreht, ein Liedchen geträllert, - wen interessiert`s? Irgend jemanden bestimmt, sonst würde man das nicht senden. Die Leute mit einem noch traurigerem Privatleben, dann die ganz jungen Mitmenschen, und die älteren Mitbürgerinnen mit ihrem Stapel Klatschmagazinen vor einem am Kiosk, wenn man selbst schnell seinen morgendlichen Flachmann kaufen will. Und die Prominenten selbst, vermute ich.

Natürlich ist es auch einleuchtend, warum ich die ganzen Stars und Sternchen nicht kenne, man muss das Geschehen ständig verfolgen, sonst hat man eben diese Prominenz verpasst. Sie ist kurzlebig geworden, ständig sucht das Publikum und damit der Markt nach neuen Figuren und damit Reizen, und somit ist eine heutige Prominenz nur noch ein Kurzauftritt vor einer auf mehr wartenden Öffentlichkeit, auf Anderes wartenden Öffentlichkeit. Vom Scheinwerferlicht zur Kaffeefahrt, wenn überhaupt: Nur ein Schritt. Das war vor einigen Jahren anders, der Starruhm langlebig, oft über den Tod hinaus. Gerade habe ich einen Artikel über Grace Kelly gelesen, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Jungstar Hänschen Homag ist für die Öffentlichkeit schon gestorben, wenn er sich auf dem Zenit seines Ruhmes wähnt.

Sie sind eben kaum voneinander zu unterscheiden, das ist ihr Problem, und damit unseres. Keine Persönlichkeiten, keine Charaktere, keine Individuen; - entschuldigen Sie bitte, wenn ich als Stilmittel diese Schimpfworte einmal gebrauche in einer Jugendkolumne. Die Filme: alle gleich, die Liedchen: alle gleich, die Akteure, alle gleich, oder nicht? Einem Trend hinterherhechelnd, den es gar nicht gibt, weil der heutige morgen schon vergessen ist, zu Recht. Einen Film wie „Casablanca“ wird es wohl nicht mehr geben, und keinen Bogart, der Ingrid Bergmann wiedersieht mit einem Blick, in dem sich alles Leid der Welt spiegelt. Einen solchen Blick kann man nur spielen, wenn man das Gefühl kennt: Alles Leid der Welt, die heutigen Schauspielerdarsteller leiden darunter, dass sie unter nichts jemals gelitten haben, außer einem Schnupfen, vielleicht. Und daraus dreht man eben keinen Film, beispielsweise, oder singt kein Lied darüber, beispielsweise, man benutzt ein Taschentuch als vernünftiger Mensch.

Was ich meiner Freundin aber noch versprochen habe, am Schluss: Sollte mich einmal ein Fernsehsender um ein Statement bitten, so überlege ich mir vorher, was ich sagen werde, aber vielleicht kommt ja bei diesen Typen auch bei reiflicher oder langer Überlegung nichts anderes heraus als dieses phrasendurchsetzte Geschwätz. Es steckt nichts in ihnen außer Langeweile und gnadenloser Selbstüberschätzung. Sich selbst und dem Publikum gegenüber gnadenlos. Seit heute kann ich auch das Wort „Künstler“ nicht mehr hören, sie sind alle Künstler, diese Narren; - und dann lief auch noch ein Film mit, - aber ich nenne hier den Namen nicht, keine weiteren Schimpfworte in einer Jugendkolumne.

Meine Freundin fragte mich dann noch. ob das anders wäre in diesem Idiotenforum, in dem ich mitmische, das mit der Prominenz und so, sie war halt mittlerweile recht übel gelaunt als Satellitenschüsselbesitzerin, - und ich habe geantwortet, nach reiflicher, langer Überlegung: „Es ist schönes Wetter, komm, wir gehen ein Eis essen oder so etwas“,

und so wurde es noch ein netter Tag, am Schluss, und das wünsche ich Ihnen auch, am Schluss:

Einen guten Tag.

Seitenanfang
All content is © by the authors | by wupperzeit 2oo4