The last one standing
von Wechsel-Haft
Die Medikamente haben aufgehört zu wirken, der Schleier der Belanglosigkeit löst sich von meinen Augäpfeln. Ich sitze auf einem Stuhl aus Eisen, meine Hände sind mit seinen Streben verbunden, verbunden durch die Kraft fremder Gedanken. Gefesselt. Sie haben mir das weiße Seidengewand angelegt, das Büßergewand, das Sündergewand. Hinter mir werfen die Gitterstäbe Schatten auf meinen Rücken, in den Raum, mein Blick erklimmt Finsternis, Schattenecken.
Ich will nicht leugnen, ich kann nicht leugnen. Die Wände hier sind aus Gedankenblockaden, keine Energie kann ich wahrnehmen. Meine Sinne sind abgeschnitten.
Das Ausmaß dieses korrupten Himmels wird mir bewußt, ich erkenne, dass meine Freunde aufgegeben haben müssen. Das aufgegeben haben, was ich nicht leugnen kann. ICH KANN NICHT LEUGNEN, WAS ICH SEHE, WAS ICH BERÜHRE, WAS ICH WIRKE!
Sie bringen mir Essen und Wasser. Ich nehm nichts, ich weiß nicht wieviele Tage vergangen sind, ich weiß nicht mehr, warum ich hier bin.
Ich bin die Letzte, die noch in dieser Schlacht steht. Sie reden auf mich ein. Der Putzmann bewundert mich. Er sagt, keiner kann verstehen, warum man mich hier eingesperrt hat. Die Hinrichtung ist in 23 Tagen. Ich erzähle ihm von der anderen Welt und von den Opfern der Nacht. Dass der Preis der Schlaf ist.
Die Alpträume, die Kämpfe, die Reinigungen.
Ich bin die letzte. Sie haben das Phoenixschafott aufgebaut. Diese Schneide ist unendlichmal stärker als Stahl. Sie ist energetisch. Sie bringt Seelen um. Sie zerhackt sie, damit sie nicht wiedergeboren werden.
Verschwinden werde ich.
Das Licht ist unverändert. Die Finsternis ist gleich. Ich habe mich abgefunden.
Und das Einzige, was ich bereue, während sie mich an den Balken binden, ist, dass ich meine Verbündeten nicht mehr wecken konnte.
