Deutsch sein
Schon wieder ich, eigentlich wäre jemand Anderer vom Team dran mit einer Kolumne, aber sie schauen Fußball, vermutlich, gemütlich mit Freunden oder Public-Viewing, während ich seit heute früh in meiner Besenkammer hocke und darüber grübele, womit ich Sie heute unterhalten darf; - kürzlich wollte ich übrigens eine unserer legendären Teamkolumnen über Fußball schreiben, das wurde entrüstet abgelehnt, man interessiere sich nicht dafür, nun: Es gibt also bald ein wenig Diskussionsbedarf, oder wie man das nennt, im Team, demnächst…
Ja, die EM 2008, was mich irritiert: Wenn Deutschland gleich gewonnen haben wird (es steht 1:0, momentan) dann haben alle Deutschen gewonnen, also: ich auch. Obwohl ich gar nicht mitgespielt habe, und einen Sieg einer Fußballmannschaft auch nicht als persönlichen Sieg empfinde, genauso wenig wie eine Niederlage, natürlich. Es gibt auch keine Beziehung zwischen mir und den Fußballern, keine persönliche, ebenso wenig wie eine zwischen ihnen und mir. Oder glauben Sie ernsthaft, Lukas Podolski würde mir morgen während der Arbeit die Daumen drücken, - wohl kaum. Obwohl… Podolski ist ein, nun ja: merkwürdiger Mensch. Aber wie schnell manche immer bereit sind eine Gemeinschaft mit Wildfremden zu bilden… Übrigens hat Podolski gerade das 2:0 geschossen.
Sollte ich gleich so verrückt sein, mein Haus zu verlassen, so würde ich feiernden Biertrinkern begegnen, die sich als Deutsche fühlen, eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig liebt, bis morgen früh eben, dann drängeln und schubsen sie wieder in Bus und Bahn. Und wenn der Hartz IV-Empfänger morgen zum Aufsichtsratsvorsitzenden sagt: „Wir sind doch beide Deutsche..“, schon hat die Brüderlichkeit ein Ende. Eine Gemeinschaft zu bilden heißt doch auch immer: Andere auszugrenzen, die nicht zu dieser Gemeinschaft gehören, gehören wollen oder, noch schlimmer: sollen, und wohin das führen kann: Wir haben es gesehen. Natürlich bilden wir ständig Gemeinschaften, mit Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitreisenden im Bus, hier bei KV, das lässt sich nicht vermeiden, aber sobald man die Gemeinschaft verlässt, zum Beispiel, indem man aus dem Bus aussteigt, endet doch auch normalerweise das Zugehörigkeitsgefühl, und warum das bei dem so genannten Deutschsein anders sein soll, das leuchtet mir aber überhaupt nicht ein. Ich fühle mich doch nicht als Deutscher, wenn ich mit meiner Katze in meiner Besenkammer hocke und Kolumnen schreibe. Eine Gemeinschaft bilde ich mit meiner Familie, mit meinen Freunden, mit Bekannten, sie sind ständig präsent, ich denke auch an sie, wenn sie nicht da sind. Und die meisten anderen Menschen gehen mir doch ziemlich am Rücken vorbei, - so wie ich ihnen. Oder Ihnen. Haben Sie einmal überlegt, dass Sie selbst höchstwahrscheinlich sieben Milliarden Menschen am Rücken vorbei gehen, - in Ihrem Falle vielleicht sogar zu Recht?
Ein Spiel der EM werde ich aber auch einmal per Public-Viewing anschauen, wahrscheinlich eines der Österreicher, da laufe ich nicht Gefahr, mich als Wuppertal-Barmen-Rathausplatzler zu fühlen, oder als Wuppertaler, oder als Deutscher sogar, vülleicht fühla i mi nachher ols Östreicher…
Das Spiel ist zu Ende, 2:0 für Deutschland, für die Nationalmannschaft also, nehmen Sie es, wie Sie wollen, ich wünsche Ihnen aber einen ähnlich erfolgreichen:
Guten Tag.
