Manieren und Zentralverriegelung

blog_Organisch.JPGZuerst wollte ich heute über einen abgehalfterten Politiker schreiben, den man aus einer noch abgehalfterten Partei hinauswerfen wollte, nur weil er empfohlen hat, diese Partei nicht zu wählen, also eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat, wenn auch nicht als mündiger Bürger, sondern als Vertreter der Energiewirtschaft, aber immerhin… Nur hätte ich dann im Laufe der Kolumne etwas vergessen (müssen), nämlich meine Manieren, und so, zur Erinnerung an Manieren und Höflichtkeit auch als Vorsichtsmaßnahme:

Es geht doch nicht ohne gewisse Umgangsformen im menschlichen Miteinander, sonst gibt es zumindestens moralischen Mord-und Totschlag überall, und warum diese Umgangsformen dann nicht gleich ein wenig verfeinern. Es hat sich fast überall herumgesprochen, dass man nicht von seinem Wohnzimmerfenster aus auf seine Mitmenschen schießen darf, und von der Akzeptanz dieser auch, bei Nichteinhaltung, sanktionierten Vorschrift bis zum Aufstehen für die gebrechliche Omama im Bus ist es nur ein kleiner Schritt. Es geht um Respekt voreinander, es geht um gegenseitigen Schutz, und ist man dazu nicht aus allgemeiner Nächstenliebe bereit, so vielleicht aus Eigennutz: Man möchte ja selbst auch nicht abgeknallt werden auf offener Straße und auch Busfahren dürfen, wenn man selbst alt wird, geworden ist.

Wir leben im Zeitalter der Distanzlosigkeit, der Vereinnahmung durch Gruppen und durch einzelne Mitmenschen, wer heute nicht jeden spontan, symbolisch gesprochen, umarmt, gilt als Soziopath, das schafft aber eine latente Aggressivität, die Gruppen oder Beziehungen sind nur wenig harmonisch in sich, sehr fragil also, da sie als Gemeinsamkeit nur die bloße Gruppenzugehörigkeit haben, ihnen fehlt das Schopenhauersche „Medium an Weltinteressen“, und wo wir schon einmal bei Schopenhauer sind in dieser Bildungskolumne: Schopenhauer hat den Sinn von Anstand und Moral am Beispiel einer Gesellschaft von Stachelschweinen erläutert, sie brauchen die gegenseitige Wärme, aber die Stacheln verhindern eine tatsächliche Nähe, den Abstand, den sie als erträglich empfinden, nennen sie Anstand und Moral. Man liebt also die Omi nicht, für die man im Bus aufsteht, man behandelt sie nur anständig, mit Respekt. Gegenseitige Wärme auf Distanz… Höflichkeit…Und die sollte man gerade bei den Menschen pflegen, die man besonders lieb hat, so bleibt diese Wärme auch im Alltag nach der Liebe ein wenig erhalten.

Übertriebene Manieren wirken sicherlich affektiert, der „Diener“ des Herren oder der „Knicks“ der Damen sind zu Recht Relikte aus einer ebenso zu Recht vergangenen Zeit, aber mir gefällt es, wenn man Damen nicht die Türe vor den Kopf schlägt, wenn man ein, beispielsweise, Restaurant betritt, oder sich erst setzt, wenn die Dame sitzt. Sich kurz erhebt, wenn man als Sitzender von einem Stehenden begrüßt wird, und auch ein Grundmaß an Tischmanieren hat. Kürzlich war eine junge Dame ganz erstaunt, dass ich ihr beim Verlassen eines Restaurants in den Mantel geholfen habe, es war das erste Mal in ihrem fünfundzwanzigjährigem Leben, und auch ihr sonstiger Umgang besteht eigentlich nicht nur aus Proleten. Die Emanzen werden jetzt ihre Stirne in Falten ziehen, natürlich können sie einen Mantel alleine anziehen, aber wenn die Emanzipation nur in der Abschaffung respektvoller Gesten besteht, dann brauchen wir das Ding aber überhaupt nicht. Was ich auch schätze: Wenn man sich bedankt für einen erwiesenen Gefallen, und das muss nicht formvollendet sein, ich erhielt einmal eine Mail einer jungen KV-Kollegin, sie bestand nur aus einem Satz: „Du bist eine coole Sau. Danke.“, und darüber habe ich mich sehr gefreut. Ein Zeichen von schlechten Manieren ist es auch, aus Mails zu zitieren, übrigens, überhaupt, diese „unmanierliche Klatschsucht“, wie es einmal genannt wurde, zeugt von ganz schlechtem Benehmen.

Früher war nicht alles besser, aber manches, und es gab früher gute Filme, dafür noch keine Zentralverriegelung bei Autos, und in einem dieser Filme spielt Robert De Niro einen Vater, der seinem Sohn am Vorabend eines Rendezvous Folgendes rät: „Hole sie von zu Hause ab, öffne die Beifahrertüre und gehe langsam um den Wagen herum. Wenn sie einfach sitzen bleibt, fahre sie nach dem Essen nach Hause und vergesse sie schnell, wenn sie sich hinüberbeugt zur Fahrertüre, um diese zu öffnen für Dich: Heirate sie.“ Früher gaben Väter noch gute Ratschläge, manchmal.

Heute hat mich, vor der Arbeit in einer Bäckerei, eine junge Dame „Kollege“ genannt, sie meinte das nicht böse, wahrscheinlich, aber ich habe sie trotzdem schlaftrunken angeraunzt: „Davor mögen mich alle Himmel schützen, jemals Ihr Kollege zu werden, und Sie auch…“, es gibt leider etwas Entscheidendes, was gute Manieren oft verhindert: die eigenen Nerven und die eigene Strapazierfähigkeit, wenn man ständig angeschubst und angepöbelt wird, so schubst man nun einmal zurück. Deshalb auch keine Kolumne über degenerierte Politiker aus degenerierten Parteien, sonst kommt noch etwas wie: Besser gleich aus Deutschland hinauswerfen als dieses unappetitliche Gezanke, alle beide, oder, um es höflich zu formulieren: Sie sollen in Oarsch gehen, wie wir Österreicher das gerne formulieren. Also diese Politikkasper, nicht: Sie, - Ihnen wünsche ich:

Einen guten Tag.

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