Wucherer

blog_Organisch.JPGStellen Sie sich bitte einmal vor: Sie gehen zu einer Bank und bitten um einen Kredit. Sie werden also nach Ihrem monatlichen Einkommen gefragt werden, woher das stammt und wie hoch es sei, und stellen Sie sich vor Sie würden dann antworten: Ich verdiene mein Geld als Spieler in diversen Kasinos, mein Einkommen ist hoch. Also, es wird vielleicht einmal hoch sein, bisher lebe ich noch von dem Geld, dass ich mir von anderen Banken geliehen habe, es ist verbraucht (sagen Sie lieber: investiert), und nun brauche ich von Ihnen frisches Kapital. Nun, man wird Sie an die Bundesregierung verweisen, die möge für Sie bürgen, eine Antwort, die nur vorstellbar ist, sollte ihr Sachbearbeiter Humor haben, wahrscheinlicher ist, dass man Sie einfach rausschmeißt, einen Arzt oder die Polizei holt, Alternativen, die für mich nicht ohne Humor sind. Ein Witz, verstehen Sie: Ein Banker ruft die Polizei oder einen Arzt…

Eine ein wenig schlichte Analyse der derzeitigen Finanzkrise, aber wie Tucholsky schon anmerkte: So, wie sich Klein Fritzchen die Weltgeschichte vorstellt, so ist sie auch. Die Banken haben sich gegenseitig Geld geliehen, um es an der Börse auf Schwarz zu setzen, und als sie gemerkt haben, dass alle Banken so arbeiten, ist das System zusammen gebrochen, man spricht von einer Vertrauenskrise, natürlich trauen sich Zocker am allerwenigsten untereinander, nur selbst Betroffene wissen doch, wie unwahrscheinlich es ist, auf Dauer zu gewinnen in diesem System der Spekulation auf sein eigenes Glück. Auch das entbehrt aber für mich nicht einer gewissen Komik: Wie Narren haben sie sich gegenseitig belogen und betrogen. Ich glaube nicht, dass sie von dem gegenseitigen Spiel gewusst haben, dazu scheinen mir die Damen und Herren Banker nicht intelligent genug zu sein, und sollten sie es sein, so wird diese Klugheit anscheinend geblendet von einer ekligen Gier nach eigenem Profit.

Merkwürdig eigentlich, dass der Beruf des Bankers ein so hohes Ansehen genossen hat in der jüngeren Geschichte, das war ja nicht immer so. Geld verleihen gegen Zins durften im Christlichen Abendland nur die Juden, basierend auf dem Bibelwort: „Wenn Du einem aus meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben Dir, so handle an ihm nicht als ein Wucherer; Ihr sollt ihm keinen Zins auflegen.” (Ex 22,25, siehe auch Lev 25,35-37). Da die Juden keinen Beruf ausüben durften außer dem des Verleihers, waren natürlich viele so genannte Christen bei ihnen verschuldet, und wer vergibt schon seinem Gläubiger: Ein Grund für den abendländischen Antisemitismus. Damals nannte man die Herren Verleiher noch „Wucherer“, ein Ausdruck, der mir als Sprachtraditionalisten und auch sonst sehr gut gefällt. In einer später dann säkularisierten Welt wurde das Verbot des Wucherns aufgehoben, und durch zunehmende Macht gelangte dieser Berufszweig auch zu höherem Ansehen, bis zur heutigen Anbetung und Idolisierung. Bis schließlich…

Wenn ich an Banker denke, so denke ich an eine Szene, die ich allerdings früher nicht für so symbolisch oder symptomatisch gehalten habe wie heute: Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, wird dabei gefilmt, wie er versucht ohne Hilfe von Beratern und Bodyguards eine Kreuzung zu überqueren, eine Ampelkreuzung, - vergeblich, er wusste anscheinend nicht, was die roten und grünen Männchen bedeuten. Wären es Dollarzeichen gewesen… Und dieses Bild passt doch sehr gut zu der derzeitigen Krise: Menschen, die riesige Volkswirtschaften steuern, können keine Fußgängerampel überqueren, weil sie nicht wissen, was ein grünes Männchen bedeutet als Symbol.

Übrigens versichert die Bundesregierung, dass die 500 000 000 000 € – Bürgschaft „sicher“ sei, es handelt sich da um den gleichen Finanzminister, der zur Zeit einer SPD – Regierung eine schärfere Kontrolle des Wucherergehabes mit abgelehnt hat, und sich nun als scharfer Kontrolleur aufspielt. Wie sicher alles in der derzeitigen Krise ist, das haben wir in den vergangenen Wochen erlebt, und seriösere Wirtschaftsexperten als dieser Herr sprechen von einem Resultat dieser irrsinnigen Investition (siehe oben) nicht vor dem Ablauf von sechs Monaten. So gesehen ist ein neuer Zocker im Spiel, sein Kapital: unsere Steuergelder. Rien ne va plus.

Die Satirezeitung  Titanic schreibt gelegentlich über einen so genannten „Weltgeist“, eine Art Gott der Zyniker, er sorgt dafür, dass ein Arbeitgeberpräsident „Hund“ heißt, -wobei der letzte Buchstabe seines tatsächlichen Namens hinzugefügt wurde, um den Scherz nicht zu grob ausfallen zu lassen, - und dass er auch so aussieht, oder dass Hitler in einem Ort namens Braunau geboren wurde. So gesehen hat der Weltgeist seinen Humor in den drei (deutschen) Topnachrichten bewiesen, die das vergangene Wochenende dominiert haben: Ein alter Literaturkritiker demontiert eine verlogene Preisverleihung, ein abservierter Fußballer verlässt das Mannschaftsquartier ohne Rücksprache, und einige durchgeknallte Wucherer zerstören eine Weltwirtschaft, eine so genannte. Der Humor des Geistes liegt darin, dass es zwischen den Nachrichten einen Zusammenhang gibt: In allen drei Fällen wurden Fassaden heruntergerissen nach Siegen, - gewonnenen Preisen, einem gewonnenem Spiel, einer wachsenden Konjunktur, - die Masken der Qualität, der Disziplin und des Sportgeistes, der Fairness, wenn Sie so wollen, - und die des Glaubens an die Stabilität des Kapitalismus. Lachen Sie über den Scherz oder lassen Sie es bleiben, ich wünsche Ihnen in jedem Falle:

Einen guten Tag.

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