Auszeiten
Keine Angst, ich schreibe jetzt nicht jede zweite Woche, Frau KeinB ist krank, und wir verstehen uns im Team so gut, dass sich unsere Anwälte schon nach drei Tagen über die Modalitäten einer Vertretung geeinigt hatten. KeinB schreibt also nächste Woche für mich, verzichtet dafür zu meinen Gunsten auf ihr Honorar, übrigens: Für das, was ich hier von der Chefin als Honorar für diese Vertretung überwiesen bekomme, würde ich normalerweise keinen Zweizeiler schreiben, ich mache das als Idealist aus reiner Sympathie für unsere junge Kollegin, aber das nur nebenbei. Gute Besserung also, liebe Kollegin, Gott sei Dank gibt es keinen Grund bereits über Nachrufe nachzudenken oder Kerzen in kalten Kirchen anzuzünden, die Röntgenaufnahmen und das CT, die mir ihr Anwalt geschickt haben, zeigen eindeutig: Nur eine Influenza. Was heißt „nur“…
Andere, die weniger hart im Nehmen (und auch weniger intelligent) sind als unsere liebe Kollegin, würden jetzt eine Auszeit nehmen, mit der Begründung, also ungefähren Begründung: In meinen letzten Stunden denke ich an Wichtigeres als an KV… Tatsächlich denken sie an Wichtigeres, nämlich an die Beileidsbekundungen der Kollegen, an die vielen Nachfragen, kurz: Aufmerksamkeit zu erlangen auf womöglich zweifelhafte Weise. Und ebenso wieder bei ihrer Rückkehr. Mir wurde der Fall eines Kollegen berichtet, der mittlerweile fast alle Krankheiten der Welt überlebt hat, vom Fußpilz bis zum Gehirntumor, und der immer dann erkrankt, wenn die Veröffentlichung seines neuen Textes kurz bevor steht. Alle Krankheiten scheinen dabei erfunden zu sein, und die einzige Krankheit, unter der er tatsächlich leidet (nicht ganz dicht in der Birne) gibt er als Grund nicht an. Bisher nicht.
Eine häufige Begründung ist auch: man leide unter KV. Unter den Kollegen, dem Eigentümer, den Admins, dem Verein, der Qualität der Texte, ein allgemeiner KVschmerz also. Gibt sich meist wieder recht schnell, wenn die eigene Schreibkrise überwunden ist und man wieder den gewohnten Beifall erhält. Oder den unverdienten Applaus, wenn das eigene Werk eben nur das ist, was die besseren Autoren hier bei sich selbst als Schreibkrise diagnostizieren würden, wenn überhaupt. Egal: Es geht um Aufmerksamkeit. Um Eitelkeit also.
Eitelkeit und Bewunderung gelten in der Psychoananlyse als verfeinerte Form von Sadismus und Masochismus, aber auch das nur wie nebenbei erwähnt. In der Bibel gilt Eitelkeit als Sünde, einem Normalbürger wie mir gehen eitle Menschen einfach nur auf den Zeiger. Zumal die größten Autoren hier ganz erstaunlich uneitel sind, jedenfalls die, die ich kennen lernen durfte, sie sind fast ein wenig schüchtern. Natürlich gehört Eitelkeit als Charaktereigenschaft zu einem Autoren, sonst könnte man die Texte auch in der Schublade lassen, oder, für die jüngeren Kollegen: Auf dem Lap saven. Aber so eitel muss man nicht sein, dass man sich verbeugt, wenn irgendwo ein Wasserhahn rauscht.
Technisch passiert ohnehin nicht viel bei einer Auszeit. Man kann dem Kollegen keine Kommentare, Mails oder sonstiges schreiben während der Auszeit, da ohnehin fast nur Kollegen in Auszeit gehen, die keinerlei Korrespondenz pflegen oder erhalten, spart man sich im Grunde genommen nur die zwei Mails, die man vierteljährlich vom Responder oder per PN erhält. Dafür kann man weiter online sein als inaktiver Nutzer. Die anderen Kollegen mit erfolgreicherem Social Network, wie wir Kanadier das nennen, erhalten weiterhin die Mails ihres Netzwerkes, in dem sie sich tapfer ihre Rolle erkämpft haben, Mails im oben beschriebenen Sinne: Junge, komm bald wieder, und: Ich bin in Deinen schweren Stunden bei Dir und sei umarmt. So gesehen macht eine Auszeit keinen Sinn, außer im wieder obigen Sinne, klüger und dezenter ist es doch, sich einfach einmal eine Zeit lang dezent zurückzuhalten bei KV, indem man selten oder nur kurz online geht.
Wirklich vermisst wird ohnehin hier auf Dauer niemand, dazu ist das Forum zu groß und es kommen zu viele neue Autoren dazu. Es gibt auf Dauer keine Treue bei KV, das liegt nicht am Internet und seinen Gepflogenheiten, es liegt an der Größe der Gemeinschaft, sie führt dazu, dass die Individuen (und Individualisten) verloren gehen in der Masse, ein ganz normaler soziologischer Vorgang. Die Freunde trauern noch eine Zeit, so man denn hier welche hat, und die Feinde freuen sich eine Zeit, so man denn… Aber wenn es wirkliche Freunde und tatsächliche Feinde waren, so bewahrt man sich die über KV hinaus. Freundschaften, die nur auf einer gemeinsamen Beziehung bei KV beruhen, sind so fragil, dass sie sich eigentlich nicht einmal Beziehungen nennen dürften. Da nutzt auch keine Auszeit, um sich das vorzuspielen.
Meine Freunde hier wissen, dass ich um zwei Kolleginnen und mehr trauere, seit sie sich abgemeldet haben, um Cora_Sonn und Seelenvogel, für mich ist der Schnee nicht mehr so weiß wie früher hier, wie es heißt. Aber um einen Kollegen in Auszeit? Sorgen machen? Freuen? Ich? Etwa? Nee, lass mal sein. Obwohl: Ich habe einmal sehr gelacht, als die wunderbare Micchan ihre Auszeit damit begründet hat, sie sei „vom wilden Stechkamel gebissen worden“, aber sonst… Lass fahren dahin. Ach ja, Caterina und Zeder könnten bald mal wiederkommen. Finde ich.
So gesehen, noch einmal: Gute Besserung der tapferen Kollegin KeinB ,komm bald wieder, ich bin in Deinen schweren Stunden bei Dir und sei umarmt, ebenso den vielen Kollegen in Auszeit, Ihnen allen aber:
Einen schönen Tag.
