Napiersche Stäbchen

blog_Organisch.JPGAm Sonntag habe ich meine Schwester besucht, ein schöner Tag, übrigens, vielen Dank dafür, und da meine Schwester Neukvlerin ist als Leserin, haben wir auch über unsere kleine Schicksalsgemeinschaft geplaudert. Auch über unseren verehrten webmaster, ich habe ihr erläutert, dass er ein Statistikfreak ist, ein Zahlenfanatiker, und meine Schwester meinte: Aber rechnen kann er nicht. Du, zum Beispiel, hast bedeutend mehr Seitenaufrufe als Textaufrufe, das kann ja wohl nicht sein.

Eine ein wenig naive Vorstellung von Countern spricht natürlich aus dieser Erkenntnis, als würde unser Admin da mit Hilfe Napierscher Stäbchen addieren und subtrahieren, aber davon einmal abgesehen hat sie natürlich Recht: Addiert man die Textaufrufe eines Autoren und vergleicht sie mit den Seitenaufrufen, so kann die Differenz schon einmal in die Tausende gehen. Profan gesagt gibt es also Besucher, die zwar die Seite anschauen, aber keinen Text lesen, und das in einem Literaturforum. Warum eigentlich? Warum eigentlich, vermutlich?

Als bekanntermaßen fantasieloser Mensch kann ich da nur von mir selbst berichten, ich mache das gelegentlich auch: schauen ohne zu lesen. Besuchen, ohne die Jacke auszuziehen oder den Hut abzunehmen. Zum Beispiel bei Kollegen, deren Texte ich schon kenne, größtenteils, da schaue ich nur kurz, ob es etwas Neues gibt auf den ersten Blick, und beruhigt oder verärgert klicke ich mich da nach kurzer Zeit weg, über neue Texte meiner Lieblinge lasse ich mich ohnehin per Mail informieren. Und bei den Erstbesuchen habe ich so meine Kriterien.

Zuerst das Alter, natürlich, es relativiert ja einiges, was es nicht relativieren sollte, aber das ist vielleicht einmal ein Thema für eine andere Kolumne. Der Beruf oder die Tätigkeit interessieren mich wenig, außer die Tätigkeitsbeschreibung ist besonders originell oder humorvoll. Wie bei  Micchan („Lokalpatriot“) oder  ArFeiniel („Welterhalterin“), zum Beispiel. Das Autorenbild schaue ich mir nur wie unbewusst an, ich werde den Verdacht nie los, dass die meisten gefälscht oder sagen wir: stark bearbeitet sind und die Wirklichkeit ein Opfer der eigenen Eitelkeit wurde am Schluss. Manchmal sehe ich auf die Herkunft, denn es könnte ja immer mal passieren, dass man den Kollegen, oder die Kollegin, deren Text man einmal verreißt, persönlich trifft auf einem Stammtisch, beispielsweise, und man dann mal ganz real eins in die Fresse bekommt. Umgekehrt habe ich das noch nie erlebt, also auf einem Treffen einmal eingeladen oder umarmt worden zu sein für ein besonderes Lob, und ich erwarte da so gesehen nichts in der Zukunft.

Hochinteressant ist für mich aber die Liste der Lieblingsbücher, was Du liest, das bist Du, so meine ein wenig sehr kleinkarierte Ansicht. Mache ich bei Erstbesuchen im realen Leben auch, kurz den Bücherschrank inspizieren, und oft bleibt es dann bei diesem Erstbesuch oder ich ändere meine Erwartungen in diesen Besuch spontan und hocherfreut. So wie manche schauen, ob das Bad geputzt ist oder ob versteckter Staub in den Steckdosen schlummert. Weniger interessant ist da für mich der Steckbrief, da gilt ja das selbe wie für das Autorenfoto. Außerdem lese ich zumeist offline, und da habe ich ohnehin keine Einsicht in das vermutete Geschwätz.

Aufschlussreich ist das Gästebuch, wie geht die Kollegin, der Kollege, mit seine Gästen allgemein um, außerdem sind in Gästebüchern wahre Perlen zu entdecken. Meine Lieblingsreplik in einem Gästebuch stammt von Frau ungesagt, sie antwortete einem Gast: „ich weiß doch.was du meintest. ich dachte nur.stell ich mich heute halt blöd.als abwechslung zu tot.“ Aber ganz entscheidend sind für mich die Empfehlungen, welche Autoren, welche Texte empfohlen werden, und vor allem: Von wem der Kollege empfohlen wird, die Kollegin, das kann Fluch oder Evangelium sein, man kennt ja so seine Pappenheimer.

So ein Riesenaufwand, um keinen Text lesen zu wollen, zu müssen, zu können, da könnte man doch gleich… Ja, stimmt, aber es macht Spaß zu stöbern, und gelegentlich will man auch seinen Spaß haben an ernsten Dingen. Man kann eigentlich nur an ernsten Dingen seine Freude haben, oder nicht? Und für meine Seite gilt im Übrigen, was Benn einmal einer Journalistin schrieb: „Wenn Sie mich besuchen wollen, bitte kommen Sie pünktlich und bleiben Sie nicht zu lange, aber das ist nicht weltanschaulich gemeint, nicht misogyn“.

Ihnen damit einen schönen Tag.

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