Liebe Omis

blog_Organisch.JPGHeute gibt es wieder eine kleine Premiere zu feiern, nach Teamkolumnen usw. wird dieses Mal eine Replik auf meine Kolumne am kommenden Montag als  Jugendkolume erscheinen, antworten wird der Kollege  FliegendesOink. Die Klugen unter Ihnen werden es spätestens jetzt erraten haben: Könnte sich um ein Jugendthema handeln, das Ganze, und die Klugen haben wie immer Recht. Es geht also um die Jugend, die heutige, um genau zu sein, ich werde sie heute ein wenig beleidigen oder: auch nicht?

Es ist natürlich Unsinn, über die Jugend pauschal schreiben zu wollen und ein allgemein gültiges Ergebnis dabei erzielen zu wollen, seriöserweise schreibt man also repräsentativ betrachtend. Zudem ist eine Kolumne auch nicht das Medium einer Analyse, eine Kolumne dient der Meinungsäußerung und außerdem erwartet der Leser keinen Text, der länger als eine Bildschirmseite ist und klickt gelangweilt weg, sollte das einmal anders sein. Das vorab. Nun, also:

Wenn Sie einmal gelegentlich in eine Zeitung schauen, die Nachrichten verfolgen, einen Blick in die eigene Geldbörse werfen, die leeren Schreibtische um Sie herum in dem Unternehmen betrachten, in dem Sie zu arbeiten vorgeben und das Sie vielleicht schon auf seiner Entlassungsliste führt, usw., so werden Sie mir zustimmen wenn ich behaupte: sieht nach einer Krise aus das Ganze. Klimawandel, Kriege, Hunger in der Welt, in den westlichen Ländern die Wirtschaftskrisen, Sie wissen es selbst. Hoffentlich. Und darauf reagiert natürlich auch die Jugend, sie müssen nun einmal auf eine Zukunft reagieren, die wir ihnen als Gegenwart anzubieten wagen in wenigen Jahren. Und wie sie reagieren…

Habe ich schon einmal erzählt, dass ich meine Oma sehr geliebt habe, sie ist vor langer Zeit verstorben, aber ich erinnere mich gerne und oft an sie, und ich danke den erwähnten, eben repräsentativen Vertretern der Jugend dafür, dass sie mir durch die Äußerungen ihrer Ansichten in Wort und Tat, sozusagen, oft Gelegenheit geben, diese Erinnerungen auszuleben. Danke schön. Auch meine Oma wuchs als Jugendliche in einer Krisensituation auf, das so genannte Nachkriegsdeutschland, und ihre Generation reagierte darauf wie die heutige Jugend auf die derzeitige Situation reagiert. Die zwar in den westlichen Ländern nicht so existentiell ist wie in den Fünfziger Jahren, aber global gesehen eher dramatischer. Ich liebe dieses Wort „global“ übrigens, es klingt so harmlos und beruhigend bis zur Albernheit, ich wünsche mir einmal eines Tages global zu sterben, muss ein schöner Tod sein. Also, meine liebe Omi, ihre Generation, hat als einzige Antwort auf die Notlage Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit, Ehrgeiz gefunden, um etwas aufzubauen, das genauso aussah wie das, was man wenige Jahre zuvor zerstört hatte. Zumindest äußerlich, und leider nur äußerlich intakt wie zuvor, man nahm also viele Eimer Farbe und übertünchte den Schimmel darunter, bis er wieder hervorkroch in der heutigen Zeit. Auch weiß angestrichener Schimmel ist Schimmel.

Genauso die heutige Jugend, vertraut man den Umfragen und den eigenen Erfahrungen mit dieser Spezies. Fleißig, pünktlich, diszipliniert, ehrgeizig was das Berufliche betrifft, und dazu, wie Omi, das Glück in der eigenen kleinen Familie suchend. Die auch fleißig, pünktlich und diszipliniert aufgebaut wird, so muss man das nennen, mit Kindern und Einfamilienhaus, Mittelklassewagen und wenn alles gut geht kommt Lassie im gestutzten Garten um die Ecke gehoppelt. Ist auch nichts Schlimmes, an und für sich, ein solcher Lebensentwurf, nur: er funktioniert leider nicht und vor allem nicht für alle, und vor am meisten allem nicht auf Dauer. Omis Welt muss immer wieder zusammenbrechen, es sind nicht genug Lassies für alle da, beispielsweise, und der Kampf um die Köter führt in die Ruinen. Und man löst das Problem der gierigen und deshalb übergeschnappten Unternehmer nicht, indem man selbst ein übergeschnappter und gieriger Unternehmer wird. Und: und man kann nicht nach Hause kommen und Kostüm oder Anzug ablegen und Liebe spielen, die Klamotten fressen sich in den Charakter wie heißes Wachs und dann sind Fraulein und Kinderlein und Lassielein Konkurrenten in der eigenen Bude um ein verlogenes Glück. Ein verlogenes Glück ist: kein Glück.

Es zeigen sich auch schon die ersten Schattenumrisse der Ruinen am Horizont hinter den Prachtfassaden: die depressiven Verstimmungen unter Mädchen nehmen zu, beispielsweise, bei den Jungen die Aggressivität. Es sage niemand, man habe ihn nicht gewarnt. Es gibt da ein schönes Gedicht, ich zitiere es einmal am Schluss, es begeleitet mich durch mein Leben wie die Erinnerung an Omi seit Jahrzehnten:

The Leaden-Eyed

Let not young souls be smothered out before
They do quaint deeds and fully flaunt their pride.
It is the world’s one crime its babes grow dull,
Its poor are ox-like, limp and leaden-eyed.

Not that they starve, but starve so dreamlessly,
Not that they sow, but that they seldom reap,
Not that they serve, but have no gods to serve,
Not that they die, but that they die like sheep.

Vachel Lindsay

Die Jugend sollte nicht bleiäugig sein, das wünsche ich ihr und uns. Sie sollte Antworten suchen, nicht Renaissancen und neue, alte Fehler. Nun ja, Sie werden das alles finden in der Kolumne des Kollegen FliegendesOink am kommenden  Montag, er wird mir zeigen, wie Unrecht ich habe mit meinem Mittelaltmännergschwätz, freuen wir uns darauf, - und so gesehen für heute:

Einen schönen Tag.

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