Spitzomen
Gestern schrieb mir eine liebe Freundin eine Mail, in der, unter anderem, stand, ihre Tante habe den Spitznamen „Zorni“ oder so ähnlich, jedenfalls war es ein Spitzname, der sofort Assoziationen, oder nennen Sie es: Vorurteile in mir wachrief, wie diese Person wohl charakterlich disponiert sein könnte: vermutlich die Sanftmut selbst vor dem Herren.
Die Spitznamen sind vermutlich im 17. Jahrhundert entstanden, sie sollten ursprünglich verletzend sein oder zumindest spöttisch, „spitz“ eben, wie die Spitze eines Speeres. Im Laufe der Zeit dienten sie auch zur Charakterisierung einer Person, wobei, obwohl diese Form des Beinamens eine eher positive Bedeutung hatte, das ein wenig neckende Element dieses Namens blieb. So wird unsere amtierende Kanzlerin bekanntlich von ihren Parteifreunden „Mutti“ genannt, und das ist doch ganz sicher liebevoll gemeint, wenn man eine gleichaltrige oder sogar oft jüngere Frau „Mutti“ nennt.
Einer ihrer Vorgänger im Amte wurde „Birne“ genannt, charakterisiert werden sollte ein Zusammenhang zwischen seiner ein wenig massigen Gestalt und einer unerschütterlichen Provinzialität, die sich in seiner Schädelform zu manifestieren schien und so insgesamt als Gesamtkunstwerk an eine Birne erinnerte. Zieht man eine kritische Bilanz seiner politischen Arbeit, so erinnert mich „der Dicke“, wie er, wahrscheinlich wieder liebvoll, von seinen Kollegen genannt wurde, eher an eine andere Frucht, zumal ich Birnen sehr mag und es gar nicht mag, wenn sie auf diese Weise diskreditiert werden. Ich nenne Ihnen diese Frucht demnächst, ich muss vorher nur kurz recherchieren, ob es sich bei der Pflanze, an die ich denke, nicht etwa am Ende um eine giftige oder gar ein Unkraut handelt, - ich beleidige alte Herren nicht gerne.
Der direkte Vorgänger in Muttis Amte trug seinen Utznamen „Acker“ mit perfidem Stolz, eine Bezeichnung, die sich von seiner Zeit als Provinzfußballer bis zu seiner jetzigen Managertätigkeit hielt, und wer einmal selbst Fußball gespielt hat, der weiß, was es bedeutet, wenn der eigene Trainer einem vor dem Spiel mitteilen muss, der heutige Gegenspieler werde „Acker“ genannt. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen da berichten, dass Sie sich auf 90 Minuten freuen dürfen, in denen Ihr Gegenspieler versuchen wird, seine mangelnden technischen Fähigkeiten durch läuferische zu ersetzen, und auch eher zu einer körperbetontem Auslegung dieses taktischen Mannschaftsspieles neigen wird aus mangelndem Talent. Um es kurz zu sagen, und versuchsweise prägnant: Er wird versuchen, Sie totzulaufen und totzutreten, wie es in der Fachsprache heißt, eher ein Kampfsportler und Leichtathlet als ein Fußballer. Wenn man einmal schaut, wie dieser Herr und seine Kumpane den Sozialstaat demoliert haben, wird man vielleicht zum Anhänger der These, dass Spitznomen Omen sein könnten.
In diesem Superwahljahr (auch ein Spitzname, wahrscheinlich), treten neben einem Herren, der so wenig Charakter hat, dass dieser selbst durch einen Scheltnamen nicht zu beschreiben ist, unter anderem die Kollegen Mutti und Prickel als Kanzlerkandidaten für ihre Partei zur Wahl an. Man sollte aus der Geschichte versuchen, etwas zu lernen, wenn man schon aus dem aktuellen Geschehen und den derzeitigen Gegebenheiten hartnäckig keinerlei Rückschlüsse ziehen will, vielleicht gibt eine analytische Betrachtung der Spitzomen Gelegenheit dazu.
Sollte man meinen, so denke ich oft. Nennen Sie mir Ihren Uznamen, und ich sage Ihnen, ob ich Sie wählen kann. Oder so. Übrigens sind aus den Spitznamen im weitesten Sinne die im Internet oft gebrauchten so genannten „Nicknamen“ entstanden, nennen Sie mir also Ihren Nicknamen, und ich sage Ihnen, ob … Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen in diesem Sinne:
Einen guten Tag.
