Die Reisenden
von tausendschön
In Windstille lag das Haus. Eine Armlänge betrug die Entfernung zwischen ihnen und der Tür, zwischen heute und dem Ende.
Die Reise war kurz gewesen. Kürzer als sonst. Mehrmals hatten sie angehalten, um ein paar Liter zu tanken, teure Getränke zu kaufen, die Reise zu verlängern. C. hatte gesagt: “Möchtest du ein Red Bull, es kostet über drei Euro.” Über den Klang ihrer Stimme, als sie den Preis rühmte, lächelte M. Er kaufte Red Bull, und mehr Benzin, als sie für den Rest des Weges benötigten, eine Zeitschrift, weil es bei ihnen Tradition war auf Reisen, die Horoskope laut vorzulesen und was sonst noch passiert war in der Welt, und schließlich eine Landkarte, die Gegend zu durchschauen. Als wären sie noch nie hier gewesen.
“Das ist es also”, sagte C. Und M. schwieg verwundert und ein wenig beleidigt, denn nichts hatte sich verändert. Die Efeuranken an der blaßgelben Wand leuchteten lebendig. Der aufziehende Wind erhob sacht eine Locke, die C. irritiert zurück hinter ihr Ohr strich. Leichtsinnig schloß sie die Tür auf, trat als erste ein und legte ihre Handtasche auf die Kommode im Flur. Irgendwo mußte ein Fenster offen sein, denn als sie gerade eingetreten war, flog die Küchentüre mit lautem Knall in den Rahmen. Nach einer Schrecksekunde folgte M. mit ergrautem Gesicht ins Haus und zog leise hinter sich die Haustüre zu. Ohne einander anzusehen, traten sie ins Eßzimmer ein, in die Küche, sahen in den Schränken nach, in denen sich nichts verändert hatte, und stellten das letzte Red Bull in den warmen Kühlschrank. Sie überprüften die Fenster, doch alle waren geschlossen. Dann blieb nichts mehr. Sie setzten sich an den Eßtisch. C. fühlte eine eisige Zugluft, sie wußte, daß sie etwas sagen mußte, bevor sie beide anfingen, an den Fingernägeln zu kauen oder damit kleine Kerben in den Tisch zu ritzen. Sie sagte gleich: “Eigentlich läuft alles wie geplant, das heißt, wir haben Glück.” Und als M. begann, eine Kerbe in den Tisch zu ritzen, sagte C.: “Aber wir müssen es nicht tun. Es ist ganz allein unsere Entscheidung.” Und M. ritzte noch eine Kerbe in den alten, dunklen Eßtisch. C. biß leicht in ihn den Nagel ihres juckenden Ringfingers.
C. fühlte sich taub, sie hörte plötzlich weder den Wind auf der Straße, noch das Ticken der Wanduhr, nur ihre kalten Finger an ihrem kalten Mund. Zog es noch immer kalt durch den Raum? C. wußte es nicht, sie saß erstarrt am Tisch und wartete auf die Antwort. Nach einer Weile begann sie, ihren Ringfinger auf und ab zu bewegen in der Stille, erleichtert war sie darüber, daß er sich bewegen ließ. Als sie schließlich beinahe sicher war, daß nichts geschehen würde, und daß sie bald die lange Heimfahrt antreten würden, da hob M. den Kopf, um sie anzusehen. Er drehte langsam die Lünette seiner Uhr. “Wir müssen es nicht tun”, sagte er. “Aber wir können es. Entscheiden. Weil wir wir sind und nicht sein müssen.”
Ihr Finger erstarrte, und die Atemluft, die ihr entwich, kristallisierte im Raum zwischen ihren Gesichtern.
“Unser Beschluß war also richtig”, besiegelte sie das Ende.
C. stand auf, und weil es nun schon dunkel geworden war, ertastete sie sich an der rauhen Wand entlang den Weg zum Schlafzimmer. M. folgte ihr mit festen, leisen Schritten. Sie legten sich nebeneinander in das klamme Bett, das sie nun nicht mehr mit Bettwäsche beziehen wollten. “Morgen”, sagte C. leise vor sich hin, “fahren wir hinaus aufs Meer.”
Sie schloß ihre warme Hand, als hielte sie seine darin.
