Orgie des Wissens
Kürzlich habe ich mir “Kerner” angeschaut, eine Sendung, die den derzeitigen Kanzlerkandidaten der SPD porträtieren sollte. Wie üblich bei Kerner ein netter Plausch, niemand stört den Anderen mit bösen Fragen und so logischerweise auch nicht mit bösen Antworten, die Gattin war anwesend, also die des Politikers, aber man hätte sich vorstellen können, auch Kerner hätte seine Familie einladen können, um das Ganze dann nicht in einem Fernsehstudio, sondern beim Edelitaliener stattfinden lassen zu können. Nette Menschen, die nett plaudern. Man glaubte da als Zuschauer, fast ein wenig zu stören.
Interessant wurde es erst, als einige der legendären Publikumsbefragungen eingeblendet wurden. Kerner leistet sich die gelegentlich, sie haben einen hohen Unterhaltungswert, da scheinbar einfache Fragen gestellt werden und die Befragten trotzdem die kuriosesten Antworten geben. Eine dieser Fragen lautete hier: „Wer ist Frank Walter Steinmeier?“, und kaum jemand der Befragten wusste eine Antwort zu geben, die man nicht mit dem Adjektiv „ahnungslos“ bezeichnen musste, wollte man diese Orgie der Unwissenheit denn freundlich kommentieren. Man mag Steinmeier als Kandidaten nicht kennen, man mag seine Partei nicht kennen, aber immerhin ist der Herr unser amtierender Außenminister, und wer zur Zeit die Interessen Deutschlands zumindest offiziell im Ausland vertritt, das sollte man doch mitbekommen haben, wenn man gelegentlich die Nachrichten schaut oder eine Zeitung liest. Ich frage mich, was die Leute wohl so denken, wer der Kollege ist, der da ständig durch die Nachrichten geistert bei Auslandsbesuchen oder Staatsempfängen…
Oder haben die Leute Recht, sich diese Namen unserer so genannten Entscheidungsträger nicht zu merken, weil es keine Rolle spielt, wer dieses Amt gerade ausübt? Ich bin kein Prophet, aber ich sage einmal voraus, dass, sollte die derzeitige Koalition nicht fortgesetzt werden, unser Außenminister demnächst mit großer Wahrscheinlichkeit Westerwelle heißen wird, zumal beide derzeitige Regierungsparteien ulkigerweise angekündigt haben, mit der FDP koalieren zu wollen. Beide, was nicht ulkig an sich ist, sondern die Tatsache sollte aufhorchen lassen, dass beide Parteien glauben, auch mit der FDP zusammenarbeiten zu können. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die inhaltlichen Positionen der großen Parteien, jeder kann da mit jeden regieren, die Inhalte sind austauschbar, und genauso die Personen. Hier sollte man allerdings nicht den fatalen Fehler machen, sich auch für die Inhalte nicht zu interessieren, zumindest dann nicht, wenn man von den Folgen einer Umsetzung betroffen ist, man also nicht zu den finanziell gesehen Oberen Zehntausend oder sogar zu den unteren gehört… Oder mit denen sympathisiert.
Politische Entscheidungen sind immer Entscheidungen, die sich an den gegeben Tatsachen orientieren müssen. Sollten, sagen wir es so. Das wird oft als Entschuldigung für Entscheidungen missbraucht, der und der hat uns diese Situation hinterlassen, wir können gar nicht anders entscheiden. In diesem Wahlkampf befinden sich deshalb die großen Parteien in dem Dilemma, Oppositionsmeinungen zum derzeitigen Regierungskurs glaubhaft zu vertreten, da sie entweder an dessen Umsetzung noch aktiv beteiligt sind, oder in der Vergangenheit waren. Die Grünen in einer gemeinsamen Regierung mit der SPD, die FDP als starke Kraft oder ständiger Mehrheitsbeschaffer im Bundesrat. Und da sie in geschichtlich gesehen einmaliger Einigkeit mehr oder weniger offensichtlich daran mitgearbeitet haben, zum Beispiel den Sozialstaat zu zerschlagen, wird, egal, welche der großen Parteien die nächste Regierung in welcher Koalition auch immer bilden wird, der eingeschlagene Kurs fortgesetzt werden, unterstützt von einer nicht vorhandenen Opposition der restlichen großen Parteien. So schließt sich der Kreis, sollte der Wähler nicht anders entscheiden.
So gesehen kommt man bei den Personen leicht durcheinander, die alle das Gleiche vertreten, und vielleicht ist es klug, sich die Namen gar nicht erst zu merken, oder zu welcher Partei der Kollege gehören mag, der da gerade von so genannten Journalisten beplaudert wird. Gespannt bin ich dennoch auf das Fernsehduell zwischen den beiden Spitzenkandidaten aus CDU/CSU und SPD, aber mehr auf den Grad der Verlogenheit in der Auseinandersetzung als auf neue Erkenntnisse für eine Wahlentscheidung. Leider ist auch der Unterhaltungswert solcher Debatten gering, es macht doch keinen Spaß, zwei Schauspielern zuzuschauen, die die selbe Rolle spielen. Das war früher einmal anders…
Also habe ich zum Schluss gelächelt, als ich mir das oben genannte Allgemeinwissensdebakel eine Weile angeschaut hatte, und ich habe gedacht: Ist doch egal, wer den Job macht, Steinwelle oder Westermeier, und ob nicht vielleicht die ausländischen Gesprächspartner denken: Ist aber schlank geworden, der Frank, oder wie der heißt, und die neue Brille kleidet ihn nicht, und warum nennt er sich jetzt Guido oder so… Nun, indem ich Ihnen wünsche, dass Sie immer wissen, wie zumindest Ihr eigener Name lautet und was er bei einer Wahl wert ist als Stimme wünsche ich Ihnen:
Einen guten Tag.
