Weihnachtsfrieden und Glühweinrausch

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Unser heutiges Thema, passend zum Vierten Adventssonntag: Eine kleine Diskussion über das Weihnachtsfest an und für sich. Gibt es doch kaum ein Thema, das die zumindest Europäer inhaltlich so stark entzweit, wie diese Diskrepanz oder Nähe zwischen Liebe und Konsum, Kitsch und Besinnlichkeit, Ritual und Gläubigkeit und der Verwechselung der selben miteinander wie dieses uralte Christenfest sie symbolisiert. Man wird weiter diskutieren und weiterfeiern, die nächsten Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende, und lesen Sie bitte selbst einige der Gründe, warum ich diese Prognose wage, auch wegen der Argumente der Weihnachtsverächter. Besonders wegen der Argumente der Weihnachtsverächter, sogar:

MagunSimurgh

Bis vor ein paar Jahren habe ich mich auf Weihnachten gefreut. Die Atmosphäre, der Schnee, die Lichter, die Kerzen. Nicht die Geschenke – viel mehr der Rückzug, die Alleinsamkeit. Nein, das Wort “Besinnlichkeit” möchte ich nicht verwenden, weil es mittlerweile einen Beigeschmack von Weihnachtsplätzchen im Juni hat.
Ich wünschte, das wäre so einfach, ich könnte auf den Kapitalismus schimpfen, auf Geschenkstress und Weihnachtsmarkthektik. Ich wünschte, denn dann könnte ich es verständlich erklären. Aber das ist es nicht wirklich.
Ich habe es nie wegen seiner ursprünglichen Bedeutung gemocht, besonders christlich war und bin ich nicht, vielleicht war das ein Fehler. Möglicherweise wird eine Sache erst wahrhaftig, wenn man sie für das mag, was sie ist, nicht dafür, was sie mit sich bringt, weil man sich damit von Außenfaktoren abhängig macht.
Ich weiß noch ziemlich genau, dass 2006 das letzte Jahr war, in dem ich ein echtes Weihnachtsgefühl hatte, ein paar Lichter im Zimmer, ein paar Weihnachtsgeschichten und wundervolle Bilder im Kopf. Und ein Teil von mir wünscht sich, dass er irgendwann wieder so empfinden kann.

tausendschön

Obwohl sie es mir madig machen wollen, diese Weihnachtsmüden, diese Weihnachtshasser: Ich bin eine Weihnachtsliebende.

Das beginnt schon im September. Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und mit liebevoll verklärtem Blick die Lebkuchen aufs Band lege, guckt Ihr, die Weihnachtsmüden in der Schlange hinter mir, als gehörte ich vorzugsweise ins Irrenhaus, als wäre ich diejenige, die für den scheinbaren Weihnachtswerteverlust verantwortlich ist! Aber das ist eine Verdrehung der Tatsachen: Vorfreude ist die schönste Freude, und die gönnt Ihr mir einfach nicht.
Und wenn die Zeit des Geschenkebesorgens naht, dann jammert Ihr, daß Weihnachten vom Fest der Liebe zum Fest des Konsums verkommt. Und zieht Euch den Schuh gleich selbst an, indem Ihr Parfümeriegutscheine, Unterwäsche und Hörbücher verschenkt, weil Ihr wie immer kein passendes Geschenkt findet. Mein Problem ist das glücklicherweise nicht. Ich koche, backe und nähe, und liebevoll noch dazu; und davon abgesehen ist Weihnachten eine grandiose Chance, viel Geld auszugeben mit wenig schlechtem Gewissen. Ich zum Beispiel benötige dringend für mein Wohlergehen den roten Stabmixer von Kenwood. Die Liebe zu mir selbst erfordert, daß ich zum Schutz meiner geistigen Integrität dieses Bedürfnis stille.
Und dann dieses ständige Erwähnung des Weihnachtsstresses! Für mich gibt es nichts schöneres, als tagelang nur mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt zu sein: Den Weihnachtsbaum schmücken (groß und schön muß er sein, und zur Not operiere ich liebevoll mit dem Seitenschneider. Dann kommen die Weihnachtskugeln an den Baum: es sind sehr viele und sie sind bunt, und echte Kerzen natürlich, und sehr sehr viel echtes silbriges Lametta. Lametta wird nicht in Gramm, sondern in Aufhängestunden gerechnet, drei glückliche sollten es schon sein. Auf der Spitze steht ein großer Strohstern. Darunter liegen die liebevoll eingepackten mehrschleifigen Geschenke) und das Weihnachtsmenü planen und kochen (je mehr Gänge es sind und je schwieriger sich die Besorgung der Zutaten gestaltet, desto besonderer und lohnenswerter).
Erst wenn dann Heilig Abend ist, und wir essen, schenken und singen, dann vergesse ich, daß Ihr doofen Weihnachtshasser überhaupt existiert. Dann bin ich nämlich viel zu glücklich, um mir noch ansatzweise die Freude verderben zu lassen.

Für mich, als Weihnachtsliebende, erschließt sich die zeitgemäße, nicht religiöse Bedeutung des Weihnachtsfests sehr leicht. Weihnachten kann ein Fest für alle Menschen sein, ein Innehalten am Ende eines Jahres, ein Gedenken der Liebe. Ein Zuhören. Und dieses Fest feiern wir ökologisch inkorrekt, indem wir Bäume fällen, die zur Dekoration wenige Wochen im Wohnzimmer stehen. Wir kochen mit den wertvollsten Zutaten, mit den besten Stücken vom Tier. Wir kaufen etwas, das der Beschenkte sich selbst nicht kaufen würde, trotz seiner Freude darüber. Mag sein, daß das heute auch alltäglich praktiziert wird. Doch es werden glücklicherweise Zeiten kommen, in denen all das kein Alltag sein kann, in denen wir Mensch, Tier und Umwelt zuliebe darauf verzichten müssen. Und gerade dann brauchen wir das Weihnachtsfest. Denn wenn dann Weihnachten die Ausnahme von der Regel ist, dann brauchen wir uns nicht mehr für unseren Lebensstil zu schämen, und können unseren Lieben an Weihnachten viele kleine Freuden bereiten, die wir ihnen sonst vorenthalten müssen. Wie kann man dann noch Weihnachtshasser sein?

Micchan

Kaum ist die Osterdekoration aus den Schaufenstern verschwunden, tauchen sie auf: Weihnachtsmänner, Nikoläuse, Spekulatius, und, am Allerschlimmsten: Wham, sonst Gott sei Dank aus dem Musikregalen dieser Welt verschwunden, mit „last chrismas“.
Seit drei Jahren spiele ich mit meinem Freund E. ein Spiel; die Regeln sind ganz einfach. Wer es zuerst hört, hat verloren. Dieses Jahr habe ich nicht einmal bis zum Dezember durchgehalten; auf der Eislaufbahn, wo die Besucher gnadenlos den Lautsprechern ausgeliefert sind, klimperte schon vor drei Wochen das verbotene Lied - passend zu den gänzlich unweihnachtlichen Temperaturen im Karibik-Remix. Ringdingdingdedingdingdeding.

Ich reagiere allergisch auf verkaufsoffene Adventssonntage, Weihnachtsmärkte und goldglitzernden Tüdelkram. Aus mir völlig unerklärlichen Gründen scheint es unglaublich faszinierend zu sein, einmal im Jahr der dezenten Stimme des guten Geschmacks jegliches Mitspracherecht zu verweigern und sich mit einer doppelten Ladung Engelchenteelichtjesuskrippengedöns einzudecken.

Apropos Krippe: Warum ist es überhaupt soviel spannender, dass Jesus geboren wurde, als die Tatsache, dass er immerhin eine Kreuzigung mitsamt Auferstehung vorzuweisen hat? Nicht, dass ich die Idee befürworten würde, die Vorbereitungen fürs Osterfest bereits im Januar zu treffen, um dem Anlass gebührend zu huldigen.
Ich möchte unserem lieben Herrn Jesus Christus keineswegs das Recht auf ein anständiges Geburtstagsfest verweigern, doch heimlich wünsche ich mir einen mahnenden Zeigefinger, der die versammelte Mannschaft daran erinnert, sich gefälligst das Wesentliche ins Gedächtnis zu rufen: Das Beieinandersitzen, das Essen, die Ruhe.
Und von mir aus eben auch Jesus im Kuhstall.

 m.o.bryé

Wir sehen: Spätestens an diesem Tag streift uns der Atem diverser gewesener und kommender Weihnachten. Ob verheißender Duft, klebriger Muff oder verwesender Gestank, je nachdem: die alte und uralte Sache mit dem Geschmack eben. Kapitalismus, Liebe, Krippenspiel, Glühweinrausch; - die Assoziationen und Argumente von Weihnachtsliebenden, -müden und -hassern sind beständiger als das Klima.
Entsprechend scheinen die von uns vertretenen Positionen vielleicht nicht weltumstürzend neu, doch das differenzierte Bild, das meine Kollegen von ihren jeweiligen Einstellungen gezeichnet haben, hat den letzten Advent des Jahres wohl angemessen kontrovers eingeläutet. Mesdames et Messieurs, Sie sind entlassen in die mehr oder weniger feierliche Weihnachtswoche.

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