Engel und Schmetterlinge

von Kindermund

Malst mir Landkarten mit Farben
die ich noch nicht sehen kann.

„Ich weiß“
kann ich nicht behaupten
“Ich verstehe“
nur bedingt

Ich kann dir glauben
und auf Zehenspitzen
entlang der Pfade gehen.
Habe mir gemerkt,
wo du sie gezeichnet hast.

Feilenöl

blog_Organisch.JPGEin furchtbarer Tag heute, wenn Sie mich fragen: Den ganzen Tag müssen Sie damit rechnen, von Ihren Mitmenschen belogen zu werden, man findet das lustig und nennt das: Aprilscherze. Die meisten dieser Scherze verharren auf eher niedrigem intellektuellem Niveau, so nach dem Motto: Wenn einer aus dem Fenster fällt ist das lustig, wenn zwei aus dem Fenster fallen: sehr lustig. Hauptsächlich dreht es sich darum, uns etwas völlig Absurdes glauben machen zu wollen, und einen Witz auf unsere Kosten zu machen, - das vor allem.

Das Problem ist nur: Unter dieser Form der Scherze in abgewandelter Form werden wir ein ganzes halbes Jahr lang zu leiden haben, nur geht es dabei nicht um höhere Dinge wie Wechselstrombatterien oder Feilenöl, sondern ganz profan um unsere Zukunft, oder, wenn Sie es pathetisch, patriotisch, solidarisch mögen: Um die Zukunft unseres Landes. Und man nennt das nicht Aprilscherze, sondern Wahlversprechen. Ansonsten gilt für diese besonders infame Form des öffentlichen Lügens aber dasselbe, was ich im vorigen Kapitel über die Aprilscherze geschrieben habe.

Ein legendäres Beispiel für die Umsetzung eines Wahlversprechens nach den Bundestagswahlen war die Diskussion um die so genannte „Merkelsteuer“ im vorigen Wahlkampf, die CDU hatte damals angekündigt, die Mehrwertsteuer um 2 % erhöhen zu wollen, und die SPD versprach lautstark bei allen sich bietenden Gelegenheiten, mit einer SPD-Regierung werde so etwas nie möglich werden. Das Ergebnis ist bekannt, nach der Bundestagswahl wurde die Mehrwertsteuer um 3 % erhöht, der damalige Parteichef der SPD, um eine Selbstbewertung der Glaubwürdigkeit der Wahlversprechen seiner Partei gebeten: Es sei unfair, an dem gemessen zu werden, was man im Wahlkampf gesagt habe. Da er jetzt wieder sehr viel sagt im Wahlkampf, habe ich mir das einmal gemerkt und bemühe mich ihm gegenüber um die größtmögliche Fairness, indem ich ihm kein, aber kein einziges Wort glaube.

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Von, aber auch: Zu

blog_Organisch.JPGHaben Sie auch die Dokumentation über Hitlers Machtergreifung im ZDF gesehen? Falls Sie noch nie etwas über die Umstände der Machtergreifung gehört oder gelesen haben, empfehle ich Ihnen dies einmal: leicht verständlich und sehr auf Effekte konzipiert, alleine die alberne Musik im Hintergrund, eben typisch Guido Knopp. So gesehen sicherlich nichts für Mitmenschen, die sich seriös mit der Geschichte auseinander setzen müssen oder wollen. Aber was auch dem naivsten Betrachter auffällt: wie es da von „vons“ und „zus“ wimmelt in den entscheidenden Positionen, also der Wirtschaft vor allem, der Politik, der Reichswehr, das ist schon eklatant.

Der Adel entstand durch Vererbung seines Besitzes und seiner Rechte und Titel, der Ursprung dieses so genannten Standes ist historisch noch nicht endgültig geklärt. Offiziell wurde der Adel ab 1919 als gesellschaftliche Gruppe in Deutschland abgeschafft, alle Bürger sollten vor dem Gesetz und überhaupt gleich sein. Den zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz eines Adelstitels befindlichen Personen wurde erlaubt, diesen bis zu ihrem Tode weiterzuführen, aber nicht mehr weiterzuvererben. Adelsprädikate sind seitdem nur noch Namensbestandteile, aber keine Titel mehr. Was die Entscheidungsträger der Weimarer Republik leider vergessen haben, das war: Ihnen auch Ihre Funktionen wegzunehmen, aber schauen Sie sich bitte die Dokumentation einmal selbst an oder recherchieren Sie anderweitig bei Bedarf.

Seit kurzem haben wir einen Wirtschaftsminister, der auch ein Prädikat in seinem Namen führt, ein „zu“, was bedeutet, dass seine Familie zum Zeitpunkt des Gesetzes von 1919 noch Gutsbesitz führte. Ansonsten fällt der Herr Minister vor allem durch seine auch für Berliner Verhältnisse hervorstechende Profillosigkeit auf, diesen Eindruck verstärken leider noch die Banalitäten, die er ständig absondert. Aber liest man einmal Berichte über ihn, auch in der eher seriösen Presse, so hat man den Eindruck, als gäbe es in Deutschland immer noch eine gewisse Faszination oder sogar Hochachtung vor einer gesellschaftlichen Gruppe, die seit fast 100 Jahren offiziell gar nicht mehr existiert.

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Liebe Omis

blog_Organisch.JPGHeute gibt es wieder eine kleine Premiere zu feiern, nach Teamkolumnen usw. wird dieses Mal eine Replik auf meine Kolumne am kommenden Montag als  Jugendkolume erscheinen, antworten wird der Kollege  FliegendesOink. Die Klugen unter Ihnen werden es spätestens jetzt erraten haben: Könnte sich um ein Jugendthema handeln, das Ganze, und die Klugen haben wie immer Recht. Es geht also um die Jugend, die heutige, um genau zu sein, ich werde sie heute ein wenig beleidigen oder: auch nicht?

Es ist natürlich Unsinn, über die Jugend pauschal schreiben zu wollen und ein allgemein gültiges Ergebnis dabei erzielen zu wollen, seriöserweise schreibt man also repräsentativ betrachtend. Zudem ist eine Kolumne auch nicht das Medium einer Analyse, eine Kolumne dient der Meinungsäußerung und außerdem erwartet der Leser keinen Text, der länger als eine Bildschirmseite ist und klickt gelangweilt weg, sollte das einmal anders sein. Das vorab. Nun, also:

Wenn Sie einmal gelegentlich in eine Zeitung schauen, die Nachrichten verfolgen, einen Blick in die eigene Geldbörse werfen, die leeren Schreibtische um Sie herum in dem Unternehmen betrachten, in dem Sie zu arbeiten vorgeben und das Sie vielleicht schon auf seiner Entlassungsliste führt, usw., so werden Sie mir zustimmen wenn ich behaupte: sieht nach einer Krise aus das Ganze. Klimawandel, Kriege, Hunger in der Welt, in den westlichen Ländern die Wirtschaftskrisen, Sie wissen es selbst. Hoffentlich. Und darauf reagiert natürlich auch die Jugend, sie müssen nun einmal auf eine Zukunft reagieren, die wir ihnen als Gegenwart anzubieten wagen in wenigen Jahren. Und wie sie reagieren…

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Napiersche Stäbchen

blog_Organisch.JPGAm Sonntag habe ich meine Schwester besucht, ein schöner Tag, übrigens, vielen Dank dafür, und da meine Schwester Neukvlerin ist als Leserin, haben wir auch über unsere kleine Schicksalsgemeinschaft geplaudert. Auch über unseren verehrten webmaster, ich habe ihr erläutert, dass er ein Statistikfreak ist, ein Zahlenfanatiker, und meine Schwester meinte: Aber rechnen kann er nicht. Du, zum Beispiel, hast bedeutend mehr Seitenaufrufe als Textaufrufe, das kann ja wohl nicht sein.

Eine ein wenig naive Vorstellung von Countern spricht natürlich aus dieser Erkenntnis, als würde unser Admin da mit Hilfe Napierscher Stäbchen addieren und subtrahieren, aber davon einmal abgesehen hat sie natürlich Recht: Addiert man die Textaufrufe eines Autoren und vergleicht sie mit den Seitenaufrufen, so kann die Differenz schon einmal in die Tausende gehen. Profan gesagt gibt es also Besucher, die zwar die Seite anschauen, aber keinen Text lesen, und das in einem Literaturforum. Warum eigentlich? Warum eigentlich, vermutlich?

Als bekanntermaßen fantasieloser Mensch kann ich da nur von mir selbst berichten, ich mache das gelegentlich auch: schauen ohne zu lesen. Besuchen, ohne die Jacke auszuziehen oder den Hut abzunehmen. Zum Beispiel bei Kollegen, deren Texte ich schon kenne, größtenteils, da schaue ich nur kurz, ob es etwas Neues gibt auf den ersten Blick, und beruhigt oder verärgert klicke ich mich da nach kurzer Zeit weg, über neue Texte meiner Lieblinge lasse ich mich ohnehin per Mail informieren. Und bei den Erstbesuchen habe ich so meine Kriterien.

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Digital Author

blog_Organisch.JPGSind Sie auch so froh, dass die Feiertage vorbei sind? Normalerweise bin ich ein Weihnachts- und Sylvesterfan, aus verschiedenen Gründen, um die es hier und heute einmal nicht gehen soll, aber nachdem ich die Heiligabendkolumne der Chefin und die Sylvesterkolumne der, nun, sagen wir: Zynikerin KeinB gelesen hatte, war es bei mir vorbei mit der gemütvollen Stimmung. Unter uns: Eine der Kolleginnen hat mich sogar in einer Mail gefragt, was denn „gemütvoll“ eigentlich sei, ich habe mit verachtendem Schweigen geantwortet. Demnächst verlässt eine junge Autorin die Jugendkolumne aus Altersgründen, vermute ich, dann bin ich hier weg und mache mit der Dame meinen eigenen Laden auf, ich zähle da jeden und jeden Tag. Bis es soweit ist.

Aber: Ich verschenke seit einigen Jahren Bücher zu Weihnachten, und man kann an dem gewählten Buch ungefähr ablesen, wie ich den intellektuellen und kulturellen Zustand des Beschenkten beurteile, es gibt da eine Skala von Ratgeberbüchlein bis zu Gedichten von Dylan Thomas. Es gibt eben, Gott sei Dank, gute und schlechte Freunde, und ebenso, Gott sei Dank, gute und schlechte Bücher.

Selbst publiziere ich ja nur im Internet, ein Internetautor, oder: ein digital author, wie mich eine Freundin (Geschenk dieses Jahr: Mankell, Skalawert: oberes Mittelfeld) ein wenig spöttisch und abwertend zu nennen pflegt. In der internen Hierarchie der Autoren stehe ich damit ganz unten, noch unter den Verfassern von Ratgeberbüchlein, denn die wurden ja gedruckt von irgendjemandem, und dieses „gedruckt worden (zu) sein“ ist das Maß aller Dinge im so genannten Kulturbetrieb, wie ein Stern auf der Motorhaube. Ob die Motorhaube verrostet, zerbeult oder einfach nur hässlich, weil, zum Beispiel: protzig ist, ist unerheblich, es kommt auf den Stern darauf an.

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