kirschprinzip

keinthema.jpgkirschprinzip nannte sich eine junge Kollegin, die im Alter von 14 Jahren begann, ihre Prosa in unserem kleinen Forum zu veröffentlichen, eine Prosa voller Sprachgewalt und Kraft, oft drastisch in der Wortwahl und voller Wut über die Kälte und Grausamkeit einer so genannten zivilisierten Welt. kirschprinzip hatte es nicht immer leicht bei uns, als ihre ersten Texte erschienen wurde ihr vorgeworfen, es handele sich bei ihrem Nick um einen „Fake“, sie müsse bedeutend älter als 14 Jahre alt sein, und später hatten die Admins so manches Mal ihre liebe Not damit, ihre Texte nicht als jugendgefährdend einschätzen zu müssen… Viele werden sich auch erinnern, dass sie sich für die Jugendarbeit bei KV engagiert hat, so hat sie aktiv an der Jugendanthologie mitgearbeitet und vieles mehr. Bis sie dann eines Tages gegangen ist.

Heute kennt man sie als die Bestsellerautorin, Dramaturgin und preisgekrönte Filmemacherin Helene Hegemann. Über ihre Erfolge wird kontrovers diskutiert in den Medien, und auch hier bei kV in dem entsprechenden Forenthread. Unbestritten ist aber wohl, dass die oben genannten künstlerischen Leistungen in anderen Biografien als erfolgreiche Lebensleistung gelten würden. Und für KV-Verhältnisse müsste man sogar relativieren, dass das Verfassen eines Dramas, das Drehen eines Films und erst recht das Schreiben eines Romans Dinge sind, die weit über die Talente vieler User hinausgehen, was allein das rein handwerkliche betrifft. Über meine eigenen auch, beispielsweise. Und dass man vor dieser Leistung Respekt haben sollte.

Da die Leistungen nur schwer bestreitbar sind, beginnt man an den Umständen zu kritisieren, die zu diesen Leistungen geführt haben. Helene Hegemann hat also einen berühmten Vater. Wirklich? Bevor Helene Hegemanns Name in den Feuilletons auftauchte, kannte in meinem Freundes-und Bekanntenkreis, zu dem auch zahlreiche KVler gehören, niemand Professor Carl Hegemann, und er ist so berühmt, dass Wikipedia meinte, seine Biografie um den Zusatz ergänzen zu müssen: Vater von Helene Hegemann. Und Helene Hegemann ist gar nicht bei dem Vater aufgewachsen, sondern bei der Mutter, zuletzt im eher beschaulichen Bochum. Und zog erst nach dem Tod der Mutter im Alter von 14 Jahren nach Berlin. Der Einfluss des Vaters auf ihre bisherige Biografie scheint wohl eher gering zu sein.

Und auch ihre Kontakte zu Künstlerkreisen werden ihr vorgeworfen, dass man sie da aktiv gefördert habe, eben wegen des weltberühmten Vaters. Der damals übrigens gar nicht mehr Dramaturg in Berlin war… Aber so stellt sich Klein Fritzchen wohl die Künstlerschickeria vor: Da kommt ein 14jähriges Mädchen aus Bochum und wird gefördert einfach nur so. Es gibt unzählige 14jährige Mädchen in Berlin, und unzählige 20jährige Mädchen, und unzählige 30jährige Damen, und alle kennen sie jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, und trotzdem dürfen sie keine Filme drehen mit staatlicher Unterstützung, und keine Dramen aufführen an renommierten Bühnen, und auch keine Romane publizieren bei anerkannten Verlagen. Man muss schon außergewöhnliche Fähigkeiten haben, um so etwas realisieren zu können. Weiterhin glaube ich kaum, dass jede 14jährige ernst genommen wird in diesen Kreisen, nur weil der Vater Carl Hegemann ist.

Noch dämlicher finde ich die Anschuldigung, sie habe es zu leicht gehabt in ihrem bisherigen Leben, bei einer solchen Biografie wären ihre Erfolge sozusagen vorprogrammiert gewesen. Scheidungskind, aufgewachsen bei einer suchtkranken Mutter, nach deren Tod zu einem Vater gekommen, der sich um eine Erziehung wenig gekümmert hat und kümmern konnte, was Helene Hegemanns zahlreiche Konflikte mit dem Jugendamt beweisen. An einer solchen Lebensgeschichte wären andere Kinder wohl zerbrochen. Helene Hegemann ist aber ihren Weg gegangen, bisher.

Es bleibt die Beschuldigung des Plagiierens, und ich habe keinerlei Verständnis für diese Vorgänge und bedauere es bei dieser Autorin umso mehr, da sie einen solchen Diebstahl nicht nötig hat, sie besitzt genügend eigene literarische Kraft. So bleibt es bei diesem Makel auf ihrem Werk.

Am Freitag hat sie ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert, es wurde darüber berichtet auf „Spiegel Online“. Es war laut, es wurde Alkohol getrunken, vielleicht Drogen konsumiert, es ging ganz anders zu als auf den intellektuellen Tanztees, mit denen Gleichaltrige ihre Geburtstage zu feiern pflegen, entrüstete sich der Reporter. Man wird Helene Hegemann jetzt alles vorwerfen, jede Lebensäußerung wird zum Anlass zur Kritik werden, sie ist unter die Wölfe geraten, - ich hoffe, dass sie das weiß und wünsche ihr, dass sie sich zu schützen weiß: Immer. Herzlichen Glückwunsch also zu Ihren Erfolgen, Frau Hegemann, und nachträglich alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Ihnen und Ihren Lieben, oder, wie es Gerhard Hauptmann dem jungen Kafka schrieb: Ich wünsche Ihnen ein leichtes Leben und eine schwere Kunst. – Und allen Menschen für heute, meinetwegen:

Einen schönen Tag.

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