Fahnenflecken

Für Leli

keinthema.jpgWie ich die Leser unserer kleinen Kolumne kenne, haben auch Sie sicher weder Kosten noch Mühen gescheut, Ihre Wohnung, Ihr Haus, Ihr Schloss, Ihr Auto und sonstiges anlässlich der Fußball WM mit einer Deutschlandfahne aus hochwertigem Stoff zu beflaggen, aber haben Sie auch gewusst, dass einer der größten Hersteller dieser Fahnen für die eher anspruchsvolle Kundschaft die Firma FahnenFleck in Pinneberg ist, fünf Prozent ihres Jahresumsatzes erhofft dieses Unternehmen durch den Verkauf ihrer hochwertigen Siebdruckware während der WM 2010 zu erwirtschaften.

Nomen est Omen könnte man sagen, wolle man denn boshaft sein, zumal sich diese Gemeinheit geradezu aufzwingt, schaut man sich unsere Bundesfahne einmal kritisch an, wie sie, beispielsweise im Original, auf dem Dienstgebäude des Deutschen Bundestages, Berlin, Unter den Linden 50 (oder auch 71), in der Größe 2m x 4m zu bewundern ist. Die deutsche Bundesfahne sieht fleckig aus, was daran liegt, dass man den Goldton, wie er in der Bundesverfassung von 1949 vorgeschrieben ist, in Artikel 22, durch die Farbe Gelb zu imitieren versucht, was unter anderem daran liegt, dass es die Farbe Gold nicht gibt, sie so gesehen nicht druckbar ist, und eine Verwendung echten Goldes in der Praxis selbst für die fanatischsten Nationallisten zu teuer ist mit der Zeit. So verwendet man üblicherweise die Farbe mit der Nummer 1028 des RAL-Farbfächers, eben gelb, um auch in dieser Frage die Ansprüche und Vorschriften des Grundgesetzes möglichst originalgetreu zu imitieren.Wobei die Glaubwürdigkeit dieser heraldischen Improvisation mit abnehmender Druckqualität natürlich zunehmend leidet, Produkte, wie sie die Discounter anbieten, sind fast schon als Parodie zu bezeichnen, und das ist, siehe oben, vielleicht sogar ein auch politisch bewusster Anschlag auf das ästhetische Empfinden gesunder Menschen.

Das Problem des Plagiats hätte sich übrigens nicht gestellt, wären die Deutschen bereit gewesen, den von den Siegermächten 1946 zur Identifikation deutscher Schiffe vorgeschriebenen „C-Doppelstander“ als Bundesflagge zu übernehmen, wobei das „C“ als Abkürzung für „Capitulation“ stand. Eine Fahne in den sehr schönen Farben Blau und Rot, mir hätte auch die symbolische Aussage dieser Standarte gefallen.

Nicht nur politisch, als Bekenntnis zum Pazifismus eines Volkes, das innerhalb von fünfzig Jahren mit Massenmorden so genannte Weltkriege geführt hat, und daraus gelernt hat, - auch bei eher banalen Ereignissen wie einer WM gefiele mir die dann eher sportliche Botschaft dieser Farben. Fußballspieler kommen in ein durch die Apartheid fast zerstörtes Land, nicht um aggressiv eine Wirtschafts-und Militärmacht zu vertreten, sondern um sich im politisch bedeutungslosen Wettstreit in diesem schönen Sport zu messen. Noch mehr hätte es mir gefallen, hätte man sich im Zeitalter eines entstehenden Vereinten Europas für eine gemeinsame Flagge entschieden, vielleicht die bereits existierende mit einem Fußball darauf? Aber für eine solche Entscheidung ist es wohl noch zu früh, die eher schlichteren Geister und Gemüter unter uns brauchen ihren Nationalstolz offensichtlichl noch existenziell, zumal die, die sonst nichts haben, auf das sie stolz sein können.

Ja, also dann FahnenFleck und Kollegen mit ihren gelben Fahnenflecken überall… Der Eigentümer, Andreas Fleck, behauptet übrigens in einem Interview, man könne heute als Großvater seinem Enkel eine Nationalflagge schenken, ohne als Nationalist zu gelten. Mag sogar sein, dass diese Behauptung stimmt, zumindest in gewissen Kreisen, die auch nichts daran auszusetzen zu haben, dass Soldaten mit dem Abzeichen der gelben Fahne am Arm andere Menschen in, beispielsweise, Entwicklungsländern ermorden, oder die bewundernd die Hacken zusammenknallen, wenn ein sozialdemokratischer Bankenvorstand über die zunehmende Verblödung eines Volkes durch Zuwanderung schwadroniert. Ich selbst habe, wieder: übrigens, eine hochintelligente und sehr, sehr nette Mailpartnerin aus Österreich, der ich diese Kolumne auch gewidmet habe, und die mir einmal schrieb, die Deutschen seien so doof zu glauben, dass Beethoven Österreicher gewesen sei und Hitler Deutscher. Und ich darf hinzufügen: Sie sind sogar so dämlich, in ihrem eigenen Laden und oft der ganzen Welt mit einem Fahnenfalsifikat albern selbstüberzogen herumzuwedeln. Ich grüße Leli herzlich mit dieser Kolumne, und versuche dadurch, dass ich auf eine unästhetische und bedenkliche Beflaggung meines inneren und äußeren Besitzes verzichte, zu demonstrieren, dass mir die Gedanken und Gefühle, die anscheinend viele mit diesem Fahnenimitat verbinden, sozusagen fremd sind bis befremdlich erscheinen. - Ihnen aber wünsche ich, nicht nur für heute:

Einen schönen Tag.

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