Sieg der Nettigkeit
Ob Sie es wahr haben wollen oder nicht: Das Leben ist ungerecht, und unsere Gesetzgebung ist es ebenso, ein Beispiel: Tatenlos sah die Polizei heute zu, als ein Mob wildgewordener so genannter Fußballfans ganze Straßenkreuzungen in Wuppertal laut hupend lahm legte, nachdem ein Team von Durchschnittskickern die argentinischen Fußballgenies um Messi niedergekämpft hatte, ein, wie ich finde, für das weitere und überhaupt Schicksal unserer geliebten Republik eher unbedeutendes Ereignis. Als ich dagegen vorigen Mittwoch hupend und den gelben Lappen schwenkend eine kurze Runde durch die Innenstadt drehte, um die Wahl des Kuratoriumsmitgliedes von” Pro Christ”, Wulff, in das höchste Staatsamt, das des Bundespräsidenten, zu bejubeln, wurde ich gezwungen, mich einem Alkoholtest zu unterziehen und erhalte demnächst einen Strafbescheid wegen Störung der Öffentlichen Ordnung und einen Bußgeldbescheid wegen Hupens innerhalb geschlossener Ortschaften. Nun sagen Sie selbst….
Genau wie mindestens 75 % aller Bundesbürger finde ich, dass Wulff ein guter Präsident ist, beziehungsweise sein könnte, er ist für eine kritische Bilanz seiner Tätigkeit noch ein wenig sehr kurz im Amt. Aber, wie er selbst sagen würde: “Ach so, wir müssen ja noch ein Foto machen”, oder etwas ähnlich Nettes. Denn ich finde ihn auch persönlich nett, ein smarter Typ, der mich an den Küster erinnert, der die Gottesdienste und so betreut hat, die ich als Kind immer besuchen musste. Immer angemessen lächelnd oder betroffen schauend, den Umständen entsprechend, so wie Wulff sicherlich auch sehr gut betroffen lächeln kann, wenn die neuesten Särge aus Afghanistan einfliegen. Leider stellte sich bei dem Küster später heraus, dass er seine Mutter getötet hatte, die er jahrelang aufopfernd gepflegt hatte, scheinbar, - ich erinnere mich noch, wie er am Tag der Tat laut schreiend in den Gottesdienst gestürmt kam. Ein Fall für die Psychiatrie, wo die fanatisch Netten öfter landen, so meine Erfahrung. Christian Wulff dagegen hat seine Mutti tatsächlich gepflegt mit weniger spektakulärem Finale.
Schon als 16jähriger übrigens, er hat es nie leicht gehabt in seinem Leben, so gesehen. Zwei Niederlagen als Spitzenkandidat der CDU um das Amt des Ministerpräsidenten in Niedersachsen gegen den späteren Hartz IV-Kanzler Schröder, bevor er schließlich 2003 einen Wahlsieg gegen einen der heutigen dicken Parteivorsitzenden der SPD feiern konnte. Einen Wahlmarathon wie vorigen Mittwoch steckt Herr Wulff locker weg, er kann, wie gegen Schröder, jahrelang verlieren, wenn es darauf ankommt. Nett, eben. Ebenso smart seine Sparpolitik, mit der er natürlich vergeblich versuchte, die maroden Landesfinanzen zu sanieren, aber Wulff kann, wie gesagt, ewig verlieren, wenn es sein muss. Drastische Kürzungen im Hochschulbereich während seiner Amtszeit in Niedersachsen, Streichung der Blindenförderung, Abschaffung der Lernmittelfreiheit, um nur einige Beispiele zu nennen, wie da freundlich an der falschen Stelle gespart wurde. Wobei der Bundespräsident auch entschlossen auftrat, wenn es darum ging, seinen privaten Haushalt zu sanieren. So ließ er sich von Air Berlin Businessflüge für seine ganze Familie spendieren, eine Fluggesellschaft, die auch die Sommerfeste der Landesregierung sponsert, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, selbstverständlich. Und vorigen Monat beschloss der Niedersächsische Landtag eine Diätenerhöhung um 7,2 % mit einer weiteren Anhebung bis 2012, man spart eben, wo man kann, auch wenn es weh tut. Damit überhaupt noch jemand den Job macht, wie Wulff das begründete. So wie alle netten Menschen versucht unser neuer Bundespräsident eben jeden zu verstehen und jedem zu helfen, wie er in seiner Antrittsrede ankündigte will er sich verstärkt für Minderheiten einsetzten, beispielsweise für Migranten. Ich bin mir sicher, dass er das ebenso konsequent machen wird, wie er eine andere Minderheit immer verteidigt hat, die der Atomkraftbefürworter, er gehört selbst dazu. Oder die Minorität der Manager und deren Gehälter einmal gemessen an der objektiven Leistung: „Ich finde, wenn jemand zehntausend Jobs sichert und Millionen an Steuern zahlt, gegen den darf man keine Pogromstimmung verbreiten“. Oder umgekehrt, - wie auch immer und natürlich niemals und nie.
Nett, eben. Und es freut mich persönlich, dass es endlich einmal ein netter Mensch geschafft hat, in allerhöchste Ämter gewählt zu werden, sonst findet man doch in diesen Positionen fast ausschließlich verlogene Karrieristen und charakterlose Streber, die, einmal im Amt, ohne jegliches Schamgefühl hemmungslos vor jeder Moral die Interessen der Klientel durchsetzen, die sie in dieses Amt befördert hat. Freuen Sie sich doch heute einmal mit mir über diesen Sieg eines Anständigen, und genießen Sie vielleicht gerade deshalb und oder auch überhaupt:
Einen schönen Tag.
