
Dreiteilige Teamkolumne zum Thema: Von den Gründen zu schreiben
Zweiter Teil:
Hinweis: Liebe Leser, herzlich willkommen im Jahr 2012. Diese mehrteilige Kolumne ist eine Gemeinschaftsproduktion der Autoren modedroge, tausendschön, wupperzeit, Fremdkoerper, MagunSimurgh und bookishasearlgrey.
“der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann. Diese Berufskrankheit des Schriftstellers macht manchen zum Trinker.”
Max Frisch: Montauk.”
Das Schreiben aus Bescheidenheit und Klugheit der eigenen Gedanken, das finden wir durchaus auch ehrenwert. Und doch: Manchmal schreibt man aus purem Eigennutz, weil man gar nicht wohin weiß mit seinen Gefühlen, oder um eine Wette zu gewinnen, oder um reich und berühmt zu werden, oder alles zusammen. Im besten Fall geschieht es in dieser Reihenfolge: Man gewinnt eine Wette um viel Geld, gründet mit dem Erlös einen eigenen Verlag, bringt dann durch rücksichtslose Guerilla-PR die eigenen Meisterwerke unters Volk, und kann es sich leisten, eine dekadente Dichterexistenz zu werden.
Doch was, wenn man sich für einen Schreibwerker ohne Meister hält? Im schlimmsten Fall ist man ein kompensatorischer Narzisst, im besten ein Autor, der sich nicht zutraut, einer zu sein.
wupperzeit:
Ich war viel zu lange nur Leser, um heute noch ein Autorenleben führen zu können, das meinen eigenen Ansprüchen an diese Berufung genügen könnte: Ich habe erst im Alter von 42 Jahren begonnen zu schreiben. Es ging um eine Wette: Ein Freund schickte mir eine Zeit lang grauenhafte Gedichte eines Bekannten, und nachdem meine dezenten Hinweise auf die meiner Meinung nach fehlende Qualität dieser Texte, - sehr nett, ja, übrigens regnet es hier schon wieder, - an dieser Zusendung nichts änderten, schnauzte ich ihn eines Tages an: Solche Scheißgedichte kann jeder Idiot schreiben. Und er: Du nicht. Und ich: 50 in einer Stunde…So fing das an. Nachdem mein Freund die Texte gelesen hatte, knurrte er: Aber mein Bekannter stellt sich der Kritik in Literaturforen, seine Texte finden dort zahlreiche und positive Resonanz…Und so kam ich zu den „Textdieben“ und kurze Zeit später zu KV.
Wenn man so spät beginnt zu schreiben, und aus derart profanen Gründen, fehlt einem natürlich die Disposition des Autoren, man hat sie nicht entwickeln, nicht sozialisieren können, es fehlt also die Gestaltung des Alltags durch die Literatur. Dem Autoren wird alles zur Literatur, reizüberflutet auf das Ziel hin, eine Begebenheit, ein Ereignis, eine Empfindung, einen Gedanken zu gestalten als Text, lebt er anders als der Leser, der auf das Ergebnis dieser Suche wartet, um diese Phänomene der Empfindsamkeit teilen zu dürfen am Schluss, um am Ende der Einsamkeit der Gedanken und Gefühle zu entkommen für einen Moment in der Begegnung durch die Literatur. So das Ideal der Beziehung zwischen Leser und Autoren.
Warum ich schreibe…Um einen gelegentlichen Besuch zu machen in einem Autorenleben, als Leser, und um gelegentlich einen Leser zu besuchen, als Autor: um am Ende eine Anekdote erzählen zu dürfen von einer Wette, die ich gewonnen habe am Schluss: als lesender Autor und schreibender Leser.
bookishasearlgrey:
Warum ich begonnen habe zu schreiben, ist wie fast alles in meiner Biographie eine Legende der Geltungssucht, Unentschlossenheit und Egomanie.
Die Geschichte des Schreibens beginnt 1996, als ich 8 Jahre alt war. Ein Mädchen in meiner Grundschulklasse brachte einen Text mit in die Schule. Er war schreibmaschinengetippt und mit einer Zeichnung verziert. Der Inhalt ist und bleibt mir unbekannt. Ich kann mich aber sehr wohl noch an das stolze Lächeln erinnern, mit dem die Lehrerin den Text nach der Lektüre dem Mädchen zurückgab, mit dem Worten: „Wir haben eine Schriftstellerin unter uns!“ Das Wort Schriftstellerin hörte ich zum zweiten Mal im Leben (nach My Girl II).
Aus Neid und Ruhmsucht also, und da ich ohnehin nicht wusste, was ich werden sollte, beschloss ich sofort Schriftstellerin zu werden. Als erster Schritt für meine literarische Feldübernahme wurden meine Aufsätze so schön, dass die selbe Lehrerin sie als geeignet zum Abdruck für das Lesebuch erklärte und besagtes Mädchen seinerseits habe ich nie wieder durch literarische Leistungen heraus stechen sehen. Der zweite folgte zugleich: Ich schrieb Theaterstücke, bei denen ich mit weichen Bleistiften fest aufs Papier drückte, um den Eindruck zu erwecken, meine frische Dramatik sei bereits gedruckt. Leider glaubte mir das in der Märchenspielgruppe keiner.
Heute habe ich mir zur selbstwärts gewandten Prätentiösität eine andere Methode gewählt: Ich publiziere vor allem digital. Da wird mir diese Aufgabe von der Tastatur abgenommen, das ist weniger anstrengend. Aber das lebhafte Erzählen von damals ist einer Befindlichkeitslyrik und Prosaerei gewichen, für die ich mich bisweilen schäme, und die das Volumen einer wahrscheinlich bereits schon sehr lange in mir nagenden Stimme , die kürzlich in Gestalt einer Freundin erklang, stetig steigert: „Was berechtigt eigentlich mich dazu, zu schreiben?“
So, wie ich es jetzt tue, meist über Herz zu Kopf zu Fingern, ohne nochmaliges Durchlesen, das begann selbst innen ziel-, gedanken und berechtigungslos. Das begann als Aufarbeitung eines Herzschmerzes, der, um den Kreis zu schließen, wahrscheinlich die Kehrseite von meinem Egoismus, meiner Unentschlossenheit und Geltungssucht darstellt. Und ehe ich in die Stille schreie, bleibe ich lieber (un-)eigennützig und lass die Egomedaille fröhlich kreiseln:
„Und als ich euch meine Schmerzen geklagt,
Da habt ihr gegähnt und nichts gesagt;
Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht,
Da habt ihr mir große Elogen gemacht.“
(Heinrich Heine: XXXIV)
So endet dieser Teil unserer Kolumne wie er begann, mit einem Zitat und der simplen Erkenntnis, dass Schreiben eine Kommunikationsform sein kann, mit anderen, damit sie dem eigenen Schmerz Beachtung schenken und auch mit sich selbst.
Schreiben als Kommunikation? Mehr dazu im letzten Teil unseres Jahresauftakts. Lesen Sie bitte auch den ersten Teil der Kolumnenfolge.