Im Garten

von tausendschön

Die Zeiten, in denen wir den Garten bestellten, sind schon lange vergangen. Als wir nach vielen Jahren der Arbeit begriffen, daß so nichts wachsen konnte und daß uns doch kein Unheil drohte, ließen wir die Harken sinken und nahmen die Leitern von den Bäumen. Allein die Bevölkerung war ein langsamer Prozeß. Im ersten Jahr kamen die Hautflügler, die den Saft der faulenden Früchte tranken. Das zweite Jahr war so bunt, als die Kräuter wuchsen und den Schmetterlingen entgegenblühten, um doch in den nächsten Sommern ihre Plätze anderen zu räumen. Aber schon im dritten Jahr glitzerten die ersten Käferpanzer zwischen den Halmen und Sprossen. So verging die Zeit, es kamen Sträucher und Vögel, die Nester in den Sträuchern bauten und sangen. Wir hörten einmal ein einsames Quaken von unserem Teich, doch es verstummte bald. Schließlich ergriffen die Nagetiere Besitz von unserer Küche. Wir teilten Brot und Wasser mit ihnen und buken sie im Ofen. Die Knochen legten wir vor die Türe, wo sie bei Einbruch der Dunkelheit verschwanden. Bald zermahlten wir sie und machten daraus ein Brot, das wir den Vögeln ins Gras bröckelten. Mit der Zeit gingen wir nur selten in den Garten, obwohl das Haus so sehr beengte. Die Nachbarn glaubten, wir trauten uns nicht mehr, doch in Wahrheit wollten wir den gerade erst geborenen Wald nicht stören. Die Arbeit hatten wir aufgegeben, weil all das Geld uns nicht zu unserer Natur verhalf. So saßen wir tagein, tagaus am Fenster und sehnten. Als einmal ein bleicher Obdachloser, der versicherte, der Vater vieler Söhne zu sein, an der Haustür klopfte und darum bat, im Garten zu kampieren, nahmen wir ihn in die Küche und teilten Brot und Wasser mit ihm. Die Knochen zermahlten wir und buken daraus ein Brot für die Nagetiere. Wir wurden glücklicher, als die Nachbarn hinter den wuchernden Sträuchern verschwanden. Doch dann aß der andere Mensch im Garten die Beeren von den Sträuchern, und ich mußte forthin alleine backen. Ich erfreute mich mehr denn je an den reinen Klängen des Gartens. Kurz vor Wald kamen dann Menschen und entnahmen mich der Idylle. Der Garten, zu dem sie mich brachten, ist von Menschen für Menschen gemacht. Hier liege ich im gemähten Gras und träume vom alternden Wald, in dem die morschen Bäume knicken, sich knirschend aneinanderreiben und klirrend zu Boden fallen. Aus dem fruchtbaren Boden erwachsen eintausend menschliche Embryos, die den Saft von den faulenden Früchten lecken, bis ihnen Flügel wachsen und sie, die Rotblinden, mit pollenbestäubten Haaren wie im Spiel von Blüte zu Blüte fliegen und dort den Saft der Nektarblätter trinken.

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Die Reisenden

von tausendschön

In Windstille lag das Haus. Eine Armlänge betrug die Entfernung zwischen ihnen und der Tür, zwischen heute und dem Ende.

Die Reise war kurz gewesen. Kürzer als sonst. Mehrmals hatten sie angehalten, um ein paar Liter zu tanken, teure Getränke zu kaufen, die Reise zu verlängern. C. hatte gesagt: “Möchtest du ein Red Bull, es kostet über drei Euro.” Über den Klang ihrer Stimme, als sie den Preis rühmte, lächelte M. Er kaufte Red Bull, und mehr Benzin, als sie für den Rest des Weges benötigten, eine Zeitschrift, weil es bei ihnen Tradition war auf Reisen, die Horoskope laut vorzulesen und was sonst noch passiert war in der Welt, und schließlich eine Landkarte, die Gegend zu durchschauen. Als wären sie noch nie hier gewesen.

“Das ist es also”, sagte C. Und M. schwieg verwundert und ein wenig beleidigt, denn nichts hatte sich verändert. Die Efeuranken an der blaßgelben Wand leuchteten lebendig. Der aufziehende Wind erhob sacht eine Locke, die C. irritiert zurück hinter ihr Ohr strich. Leichtsinnig schloß sie die Tür auf, trat als erste ein und legte ihre Handtasche auf die Kommode im Flur. Irgendwo mußte ein Fenster offen sein, denn als sie gerade eingetreten war, flog die Küchentüre mit lautem Knall in den Rahmen. Nach einer Schrecksekunde folgte M. mit ergrautem Gesicht ins Haus und zog leise hinter sich die Haustüre zu. Ohne einander anzusehen, traten sie ins Eßzimmer ein, in die Küche, sahen in den Schränken nach, in denen sich nichts verändert hatte, und stellten das letzte Red Bull in den warmen Kühlschrank. Sie überprüften die Fenster, doch alle waren geschlossen. Dann blieb nichts mehr. Sie setzten sich an den Eßtisch. C. fühlte eine eisige Zugluft, sie wußte, daß sie etwas sagen mußte, bevor sie beide anfingen, an den Fingernägeln zu kauen oder damit kleine Kerben in den Tisch zu ritzen. Sie sagte gleich: “Eigentlich läuft alles wie geplant, das heißt, wir haben Glück.” Und als M. begann, eine Kerbe in den Tisch zu ritzen, sagte C.: “Aber wir müssen es nicht tun. Es ist ganz allein unsere Entscheidung.” Und M. ritzte noch eine Kerbe in den alten, dunklen Eßtisch. C. biß leicht in ihn den Nagel ihres juckenden Ringfingers.

C. fühlte sich taub, sie hörte plötzlich weder den Wind auf der Straße, noch das Ticken der Wanduhr, nur ihre kalten Finger an ihrem kalten Mund. Zog es noch immer kalt durch den Raum? C. wußte es nicht, sie saß erstarrt am Tisch und wartete auf die Antwort. Nach einer Weile begann sie, ihren Ringfinger auf und ab zu bewegen in der Stille, erleichtert war sie darüber, daß er sich bewegen ließ. Als sie schließlich beinahe sicher war, daß nichts geschehen würde, und daß sie bald die lange Heimfahrt antreten würden, da hob M. den Kopf, um sie anzusehen. Er drehte langsam die Lünette seiner Uhr. “Wir müssen es nicht tun”, sagte er. “Aber wir können es. Entscheiden. Weil wir wir sind und nicht sein müssen.”
Ihr Finger erstarrte, und die Atemluft, die ihr entwich, kristallisierte im Raum zwischen ihren Gesichtern.
“Unser Beschluß war also richtig”, besiegelte sie das Ende.

C. stand auf, und weil es nun schon dunkel geworden war, ertastete sie sich an der rauhen Wand entlang den Weg zum Schlafzimmer. M. folgte ihr mit festen, leisen Schritten. Sie legten sich nebeneinander in das klamme Bett, das sie nun nicht mehr mit Bettwäsche beziehen wollten. “Morgen”, sagte C. leise vor sich hin, “fahren wir hinaus aufs Meer.”
Sie schloß ihre warme Hand, als hielte sie seine darin.

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Work in Progress

von Anifarap

-Anti anti. Das ist chic, das ist in. Herbert würde das stören, aber Herbert ist auch nur eine Amsel.
Doch Herbert braucht keine Worte und das ist beneidenswert.-

“Ay, Doctor.” Sagte er, als er so in seinem Bettchen lag, in dem blassgelben Zimmer mit den Bildern vom Klatschmohn und Gräsern. Als er das Grün erblickte, musste er niesen, instinktiv, und er fand, dass er allergisch genug sei, um den Doktor anzusprechen.

“AY, DOCTOR! Per favor…”

Doch dann verstummte er. Denn er erkannte, dass er zu Hause lag, zu Hause, auf einer einfachen Pritsche, gepolstert mit Stroh, überdacht von einer Plane,  in einem Hinterhof aus Beton, irgendwo in der Großstadt, in der nicht Autofahrer das gefährlichste Objekt auf der Strasse darstellten, sondern Fahrradfahrer, die Passanten auf dem Bürgersteig umfuhren und noch anschrien, als wären sie eigens vom Rad gestossen worden. Selbst die Polente beschäftigte sich mehr mit den brutalen, rücksichtslosen Fahrradfahrern, seit die Invasion von den neureichen Töchtern und Söhnen des Westens, ohne Grips und Verstand, begonnen hatte. Alles Idioten und Ignoranten. Feinde der großstädtischen Kultur: Feinde des Verstandes.

Bisher hatten sie nur eines bewiesen: Dass Arrrrrrogaaaaaanz und Geld stinken. Vor allem im Sommer. Vor allem in dieser Stadt.

-Anti anti.-

Herbert zwitscherte nur, wenn es ruhig war, und der gewöhnliche Großstädter tief und fest nach seiner vierten durchzechten Nacht schlief, um nach vier Stunden aufzuwachen und festzustellen, dass der Sekt alle war.

Uh- da war noch der kleine Schreiberling im ersten Stock. Der auf Bestellung stimulierte, weil die Leute nicht mehr selbst träumen konnten.
Er hatte derzeit wahrlich viel zu tun gehabt, nachdem man ihm seinen Hals aufgeschnitten und die Stimmbänder entfernt hat, damit das Telefonieren ihn nicht vom Schreiben ablenkt. Er verdiente Hartz IV. Und irgendwie, war er noch am besten dran. Wenn auch nicht zu sehen- für die Mehrheit.

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Engel und Schmetterlinge

von Kindermund

Malst mir Landkarten mit Farben
die ich noch nicht sehen kann.

„Ich weiß“
kann ich nicht behaupten
“Ich verstehe“
nur bedingt

Ich kann dir glauben
und auf Zehenspitzen
entlang der Pfade gehen.
Habe mir gemerkt,
wo du sie gezeichnet hast.

Klamm

von Kindermund

Weit sind wir gegangen
und es ist uns
zu leicht gefallen

Die Augen noch geschlossen
vor den Schrecken der letzten Nacht
Hand in Hand
liefen wir weit

Die Sonne auf den Schultern
des anderen nur tastend
Augen noch verklebt

Der Weg fiel uns zu leicht.
Erst in der Dämmerung
wagten wir die Augen zu öffnen
und wunderten uns
wo die Wunder des Tages waren.
Sie sollten uns vor der Nacht beschützen.

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ravenous and immature

von ArFeiniel

und doch von dieser welt wort für wort wider ungebeugt gebrandet gespräch und unfreiwilligkeiten setzen wir zwischen gesichter neonengel beleuchten großäugig zweivertrautsamkeiten fäden durch lippen durch münder werden müder fallen nieder lider lieder ungesungen unverkannt bleib liegen lass stehen wir gehen ein boot wartet heute nacht wird eines warten ich spür es schon ein guter tag für boote und für wein nein bleib leg dein fell auf mein knie ich will dich einfach nur atmen sehen das boot wird warten geladen und geschnürt yellow like sunshine red like wine ich sing dir noch ein lied mal strahlen auf deine lider wie damals als ich noch alt war neben den bäumen darf ich bitten my lady ich bin schon ganz taub und wund vor erinnerung finden sie uns einen punkt einen solchen wie nur sie ihn erschaffen beim gehen

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Land

von BInspired

Über dem Land liegt ein Teppich
aus frühem Licht, irgendwer
hat ihn geknüpft, noch mit dem
Geruch von Schnee an den Händen,
von zerdrückten Tannennadeln
und ein wenig Nebel.
Irgendwer hat ihn geknüpft,
in der Tasche ein paar letzte Äpfel,
und hier,
hier muss er hungrig gewesen sein,
hier hört man ein Knacken.
Ein See, der zugefroren ist,
eine milchige Eisschicht.
Irgendwer hat ihn geknüpft,
an den Füßen gefütterte Stiefel,
leichten Schrittes.

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