Bahnfahrt, nachts

Bahnfahrt, nachts:

Dann, endlich, die Rheinbrücken, Köln, der Dom, „und so erbauten sie Dome…“, tatsächlich, das große Wort von Benn, und natürlich haben sie das geahnt: im Zeitenstrome bröckelt der Fels zurück, aber nicht geglaubt, das ist eben der Unterschied, Glaube, Wissen und Ahnung, und am Ende siegt immer der Glaube knapp vor der Ahnung. Der Glaube an Rituale und Symbole, Kölner Dom, Rheinbrücken, und man glaubt: an ein zu Hause und Heimat und an ein großes Wort.

Während Andere an Anderes glauben, so wie der Schaffner, an seine Aufgabe,an sein Ritual, und jetzt den farbigen Mitreisenden kontrolliert zum dritten Mal auf der kurzen Strecke zwischen Frankfurt und Köln, und man selbst reicht sein Ticket herüber, auch zum dritten Mal, weil man nicht diskriminiert werden möchte als Deutscher und als Weißer, man will auch als gefährlich gelten oder als kriminell, wenigstens in den Augen des Schaffners, oder der Deutschen Bahn, die er zu vertreten glaubt, ein Glaube wie an die Kraft eines Domes, dreihundert Jahre ein Stück, wissend im Zeitenstrome, oder bei der nächsten Rationalisierung, und dann können wir uns zu dritt kein Ticket mehr leisten, oder werden dessen verdächtigt und bilden eine Gemeinschaft, so schnell kann das gehen, in den Zeitenströmen, und für einen Zeitenstrom,und die anderen Mitreisenden schlafen weiter, während der Schaffner kontrolliert, oder ist es der dritte Schaffner, der immer den selben weckt, und:

Andere schlafen lässt:sie schlafen weiter, erschöpft von Gesprächen, zwischen Nürnberg und Frankfurt, und man selbst ist noch wach, in einem Gedanken, der noch ungelöst ist und erlöst: Was ist schlimmer, Liebeskummer oder Zahnweh, und ob sie schon schläft, und wen sie alles angelächelt hat und bezaubert, heute, und so: ein unerlöster Blick auf die Rheinbrücken, auf den Dom. Auch nur Rituale, Liebeskummer und Zahnschmerzen, das geht ja vorbei, und ihr Lächeln: auch nur ein Symbol, Hoffnung und Ahnung und dann: Ritual. Im Zeitenstrome, aber: man soll mich nicht so oft wiederholen, das langweilt und ermüdet nur: ein Publikum, Andere, dann: einen selbst.

Und man war selbst ein Publikum von Nürnberg bis Frankfurt, rauchend im Gang zumeist, und den Blick in die Nacht, auf der Flucht, ein wenig, vor dem Geschwätz im Abteil, und auf der Suche, nach der Antwort auf die Frage: Liebeskummer oder Zahnweh, und es stimmt ja, wenn man aus dem Fenster blickt während einer Bahnfahrt, nachts, so sieht man sich selbst in den Scheiben gespiegelt, vor allem, und dieses Mal: einige Regentropfen und Lichter auf dem Glas, jedenfalls so lange, wie man durch Landschaften fährt, in Städten ist es: ein wenig anders. Und dass man darum lieber durch Städte fährt, mehr Anregungen hat für die Fantasie, oder für Erinnerungen und Visionen: wie mag es sein hier zu leben, war man hier schon einmal, will man hier bleiben. Und manchmal stehen noch Menschen auf den Bahnhöfen, auch Anregungen für Fantasie, oder für Erinnerungen und Visionen, wie mögen die leben, möchte man die kennen lernen, bei denen bleiben. Und wie beruhigend das ist, dieses Gedanken- und Fantasiespiel, man muss keine Entscheidungen treffen, ohnehin hat man ein Ziel, Wuppertal HBF, und seine Entscheidung getroffen: schon längst. Es ist ein wenig: wie einen Dom zu bauen, man kann an etwas glauben für kurze Zeit, etwas ignorieren für eine Zeit, die Zeitenströme und die Ziele. Und hinter einem bleibt: ein Abteil.

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Texte

Tagebücher

Für Sabine

Eines Nachts konnte ich nicht schlafen, wie in vielen Nächten, und ich ging in ein Kino, Programmkino, an den Film erinnere ich mich nicht mehr, aber an die Anekdote, die am Anfang erzählt wurde: Eine Maus flüchtet also vor einer Katze, zu einem Elefanten, bitte hilf mir, und der Elefant, nun ja, er kotet auf die Maus, damit sie sich darin verstecken kann in dem Dung, und die Katze zieht sie heraus und frisst sie, weil, sie hatte vergessen, auch den Schwanz zu verstecken, - die Maus. Solche Geschichten haben eine Moral, und die lautete hier: Nicht jeder, der auf Dich scheißt, ist Dein Feind, nicht jeder, der Dich aus der Scheiße zieht, ist Dein Freund, und wenn Du schon in der Scheiße steckst, solltest Du wenigstens den Schwanz einziehen. Ich wusste damals nicht, ob das stimmte, oder ob Kafka Recht hat, oder Kindermund, das weiß ich bis heute nicht, und an den Film: kann ich mich nicht erinnern. Aber kürzlich wurde er im Fernsehen gezeigt.

Zwar bin ich oft schlaflos, aber ich fühle mich selten einsam dabei, was ich nur schlimm finde: Aus dem Fenster zu schauen, nachts, und alles ist dunkel in den Nachbarhäusern, nach und nach gehen die Lichter überall aus, und man muss dann weiter suchen, den Blick über die Stadt, um beleuchtete Fenster zu finden, da kann schon einmal so etwas wie ein Gefühl der Einsamkeit: einen beschleichen? Sagt man das so: Einsamkeit kann einen beschleichen? Jedenfalls fiel mir einmal auf, dass in dem Nachbarviertel auch ein Fenster beleuchtet war die ganze Nacht, und ich habe mich gefragt, wer mag das sein. Und ich habe das recherchiert, ist ja nicht schwer mit Google Map und Kram, und dann dachte ich: Rufe doch einmal dort an, nachts, vielleicht wird es interessant, das Gespräch, aber ich habe es sein gelassen, obwohl es interessant und schön war in der Fantasie, sich das Gespräch auszumalen, und man beschließt, sich nie zu treffen…Und so. Aber die Fantasie gefiel mir so gut, dass ich sie mir bewahrt habe mit der Zeit, und ich schaue eben nachts nicht aus den Fenster, der Fantasie zuliebe, der wertvollen Fantasie.

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Texte

Adjektive

Gelesen von Kindermund

Wieder: Für K.

Er stand nicht gerne im Weg: aber sie hatte alle positiven Adjektive mitgenommen, als sie ihn verließ. Alle Adjektive, die positiven, die positiven Adjektive. Er aber: Stand nicht gerne im Weg, stand ungern im Weg. Auch nicht sonntags, nicht an traurigen Sonntagen.

Und er war unterwegs, zur S-Bahn, kalter Regen fiel in sein zerstörtes Gesicht, - er sang heiser und schief vor sich hin: „Gloomy, gloomy sunday…“, das alte, alte Lied. Die Straßen waren leer, das harte Pflaster hallte traurig unter seinem schweren Schritt. Einmal im Weg stehen, und sei es auch nur einer S-Bahn, an einem traurigen Sonntag, im schwarzen Regen.

Oder: Ob sie doch tauschen würde, die dunklen Stiegen zu seiner kalten Wohnung, den leeren Kühlschrank und das harte Brot, oder die tote Katze, vielleicht, gegen die Adjektive, die positiven, - möglichst. Er schlug den Kragen des schwarzen Mantels hoch, zerstörte Regentropfen rannen in sein kaltes Gesicht. Die alte Straße, das schiefe Pflaster hallte heiser unter seinem traurigen Schritt. Kein: Oder. Sie würde ja überhaupt niemals und nie tauschen.

Er musste auf die schwere S-Bahn warten, und als er auf den toten Gleisen stand, dachte er, und zwar: schon wieder daran, wie ungern er doch jemandem im Weg stand. Gestanden hatte, würde es gleich bitter heißen. Aber: Immer ungern, ob einem Menschen, einem Tier, einer Pflanze, oder jetzt: Einer kalten S-Bahn. Einer leeren S-Bahn. Einer kalt-leeren S-Bahn. Auch nicht an einem traurigen Sonntag. Im dunklen Regen.

Nur, merkwürdig: Die Lichter der schwarzen Bahn sahen, sie sahen, sie sahen…: wie geil aus, oder so, als sie näher kamen, oder so ähnlich wie, so geil wie Goethe oder Gott. Oder so. Oder so ähnlich. Wie. Oder anders. Ganz. Er trat zur Seite…Geil, oder so und anders, dachte er, ein Adjektiv, sie scheint das vergessen zu haben. Besser als nichts und gar nichts. Und er sah den geilen Lichtern der oder so S-Bahn einen Moment lang hinterher, und dann ging er zurück, durch die oder anderen Straßen, und das oder so ähnliche Pflaster hallte unter seinem ganzen Schritt. So Regen fiel in sein ähnliches Gesicht. Auf den geilen Mantel. Kragen. Zurück über die oder Stiegen in seine andere Wohnung, geiler Kühlschrank und ähnliches Brot, zu der ganzen Katze. Und er sang mit, oder so Stimme: „Gloomy, groovy sunday“, - und er dachte, dachte noch: „ Morgen versuche ich es einmal mit cremig, oder mit so etwas, so etwas ähnlichem, vielleicht ist ja alles so cremig, oder ganz anders, das Leben, zum Beispiel, oder nur Goethe, oder nur Gott…“, aber noch besser wäre es wohl, sich einige Adjektive, positive Adjektive, aufzusparen für Zeiten, schlechte, - wie die Gedanken, die Grundsätze, die Moral eben:

Dass man niemals gerne im Weg steht. Auch nicht und ohne Adjektive, positive, auch nicht ohne.Leben, zum Beispiel, nicht ohne Goethe, zum Beispiel, oder ohne Gott: Man steht ja ungern im Weg.

Weil

Für A.

Weil…Er immer alles verwechselte, alles und jeden, die Tage und die Nächte, nicht, weil er nichts wusste, es strömte zu vieles auf ihn ein, zu viel Ablenkung, zu viele Gedanken, zu viele sinnlose Gedanken, die gedacht werden mussten, zu viele Gespräche, die geführt werden mussten, - Gespräche: immer im Kreis, in verschiedenen Kreisen, aber: immer im Kreis.

Nur heute war es genug und genug für morgen und alle Tage, heute würde er dann und wann das Opfer sein, nicht der Täter, bzw. umgekehrt, heute war er ein Täter, kein Opfer, er musste sich mehr konzentrieren, er war Täter und musste sein Opfer suchen, und wo finden sich Opfer: überall, also ruhig vorwärts schreiten, sich konzentrieren, er musste das wissen, noch heute.

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Eine Maus

Gelesen von bratmiez

Dann lag die tote Maus da, vor der Küche, sie hat sie gesehen. Unsere Katze hat die Maus getötet, das ist die Natur, getötet und liegen gelassen. Nur war sie überrascht, dass ihr kleiner Liebling das kann, sie hat das ignoriert, das Animalische in Allen. Seitdem sieht sie die Katze anders an, die Katze und dann mich.

Über Kant

Meine Favoritenliste: Bekanntschaften im Regen oder Schnee, oder ohne, eine lange Liste, immer länger im Laufe der Zeit. Zum Beispiel: die Dicke an der Ampel, an der ich nicht vorbei komme mit meinem Schirm, ich muss warten, bis sie über den Übergang geschnauft ist, gut: sie kann nichts dafür, ich weiß, es regnet ständig, darum die Drüsen und der Frust, ich bin selber dick. Oder der Skinhead an der S - Bahn, Hey, Mann, kann ich Deine Socken haben, für meinen Hund, und als er mich anfasst mit seinen Dreckpfoten, ich überlege: in welchen der Abfalleimer an den Bahnsteigen ich den Rest von ihm nachher stopfe, aber er weicht zurück, der Selbsterhaltungstrieb der Kreatur hat sich durch den Biernebel gemeldet, und: er kann nichts dafür, seine Mutti hatte ihn nicht lieb, ich weiß, meine mich auch nicht. Oder die Verkäuferin im Drogeriemarkt, Darf ich Sie ansprühen, das Probefläschchen auf mich gerichtet, nein, danke: seit Jahren verströme ich den selben Duft, mein Revier zu markieren, also gut: sie kann nichts dafür, sie verdient ihr Geld, ich weiß, ich selbst mache das fast jeden Tag. Oder die Buchhändlerin, heute, als ich ein Buch für einen Freund kaufen wollte, Geburtstag und er hält sich für gebildet, weil er nichts von Fußball versteht, also, Frau Bookmanagerin, Frau Buchphilosophin, wir sind heute alle Manager oder Philosophen und beides, irgendetwas mit dem Kategorischen Imperativ, bitte, zwei Kilo, aber frisch, wenn`s geht, danke, aber sie bietet hier keinen Kant an in diesem Schuppen, keines seiner Bücher, und abends schreibt sie Gedichte, die veröffentlicht sie in Foren, gepflegt nach drei Gläschen Sekt, und man ist höflich und nett in diesen Foren, man kann Texte empfehlen und favorisieren, nicht: von ihnen abraten, vor ihnen warnen, und ihre Gedichte sind schlecht, grottengrottenschlecht, Stein auf Bein auf Sein, Wand auf Rand auf Kant, ach, ja: -sie kann nichts dafür, Frau Buchphilosophiemangagerdichterin kann sich nicht abfinden mit der Banalität ihrer Existenz, Fett und Dreck und Gestank für Geld, oder weil uns unsere Muttis nicht geliebt haben, wer weiß, ich veröffentliche selbst in Foren, eine lange Liste, eine Favoritenliste, eine Favoritenmanagerphilosophenliste, eine Fettdreckgestankgeldliste: Bekanntschaften im Regen oder Schnee, oder ohne, Frau Beautyphilosophin und Herr Skinheadmanager, Frau Drogeriemarktdichterin und Herr Weisheitsweißnichtsfreund, Frau Buchhandelsbeautyskinheadweißnichtsdichterin, Herr Revierverteidigungsfavoritenlistenschneeregenschwätzer, oder Kant, der nicht gelesen, favorisiert oder empfohlen wird, dessen Kategorischer Imperativ Schnee ist und Regen, oder ohne: ich weiß.

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Kalender

Gelesen von Grufti.Ente

Jeden Tag schreibe ich ihren Namen in meinen Terminkalender mit schwarzer Tinte: morgen kommt sie ganz bestimmt, aber sie kommt nie. Wie viel Tinte verschwende ich jeden Tag, wie viel Papier, wie sieht der Kalender aus: alles durchgestrichen, wie bei einem Verwirrten. Nicht nur der Kalender von diesem Jahr, auch der vom letzten und der vom nächsten bestimmt. So viel Tinte, so viel Papier, so viel Unordnung, so viel Zeit.

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