Europa, erst einmal

keinthemaEnde 2011 bat das Team der Jugendkolumne um Gastbeiträge zu dem Thema „Europa“. Ich hatte damals die Ehre, den  dritten (und bisher letzten) Beitrag schreiben zu dürfen:

„Als ich den ausgezeichneten  ersten und zweiten Teil dieser erst einmal Kolumnentrilogie über das Thema „Europa“ gelesen hatte, habe ich daran gedacht, wie dieses Europa aussah zu der Zeit, als ich so alt war wie  Joost und  Savignon heute sind…Damals…Damals:

War ich mit meiner damaligen Freundin oft auf Reisen. Meine damalige Freundin war die Tochter einer Sowjetbürgerin und eines Jugoslawen, beide Länder oder Staaten gibt es heute nicht mehr, und eine unserer Reisen führte uns nach Prag, der damaligen Hauptstadt der Tschechoslowakei, die es ebenfalls nicht mehr gibt, und wir haben beim Biertrinken im legendären „Fleck“ drei DDR-Bürgerinnen kennen gelernt, diesen Staat: Gibt es nicht mehr. Und im Grunde genommen gibt es auch die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr in der damaligen Form.

Es war die Zeit des so genannten „Kalten Krieges“, und der heute als der beste Bundeskanzler aller Zeiten geltende Bundeskanzler Schmidt ließ uns junge Leute bei Demonstrationen gegen seinen „Nato-Doppelbeschluss“ und die Stationierung amerikanischer Raketen in Deutschland verprügeln. Wir jungen Leute wollten im „Fleck“ Bier trinken mit den Menschen, die er für seine größten Feinde hielt, ernsthaft wurde damals über „atomare Erst- und Zweitschläge“ diskutiert, wir jungen Menschen wollten einen Krieg weder gewinnen, noch verlieren, – wir wollten gar keinen Krieg.

Heute gibt es diese damals eher reale Kriegsgefahr innerhalb Europas nicht mehr, man mag darüber streiten, ob die Entwicklung, die zum Zusammenbruch des so genannten „Ostblocks“ führten und ihre Folgen vernünftig und human waren und sind im Hinblick auf ein Vereintes Europa und überhaupt, es ist mir aber wichtig zu wissen, dass heute ein Deutscher nach Prag fahren kann, um Bier zu trinken im „Fleck“, und das nicht in Uniform und mit einer Waffe in der Hand. So, wie es damals schon selbstverständlich war, in die Niederlande zu reisen, nach diesen elenden Kriegen, und zwar nicht um zu töten, womöglich die Eltern von Joost, und dass Joost und ich, beispielsweise, uns sicher sein können, wenigsten in diesem, dass wir nie eine Uniform anziehen werden, um einander zu ermorden. Das ist ein großes Geschenk für jemanden wie mich, für den das nicht selbstverständlich war in großen Teilen seiner Biografie.

Für mich ist also das erst einmal grundsätzliche Problem gelöst bei der Suche nach etwas, das einmal ein Vereintes Europa werden könnte. Ich hoffe sehr, dass wir, oder wahrscheinlich unsere Erben, nach diesem Europa suchen, nach Gemeinsamkeiten, ohne die Unterschiede zu ignorieren oder gar zu unterdrücken, wie man das in jeder seriösen Partnerschaft macht: keine Flucht vor dem „Du“, sondern die Suche nach dem „Wir“. Eigentlich bin ich ein entschiedener Gegner der Globalisierung, dazu vielleicht einmal in einer anderen Kolumne mehr, worin ich aber große Hoffnung setze ist die Möglichkeit der globalen Kommunikation, wie sie beispielsweise das Internet anbietet, miteinander sprechen, anstatt aufeinander zu schießen, weil man schießt als gesunder Mensch nicht auf andere Menschen, die man kennt oder kennen lernen will.

Ein friedliches Europa als erster Schritt zu einer friedlichen Welt natürlich, so wage ich zu träumen gegen Ende meiner Kolumne, alles Andere wäre nur die Schaffung eines ein wenig größeren Nationalstaates, in dem die Bundesländer Österreich und Niederlande zusammen leben wie heute Sachsen und Bayern. Ein in sich friedliches Land umgeben von Kriegen überall und womöglich im Krieg mit allen ist eine Vision als Schreckensszenario, die mir überhaupt nicht gefällt. Das Ziel sollte das Bundesland Griechenland sein, dass selbstverständlich friedlich in einem Bundesstaat oder Staatenbund mit dem Land Afghanistan zusammen lebt. Beispielsweise.

Frieden, wünsche ich damit am Ende meiner Kolumne und für heute:

Einen guten  Tag.