Feilenöl

keinthemaEin furchtbarer Tag, dieser 1. April, wenn Sie mich fragen: Den ganzen Tag müssen Sie damit rechnen, von Ihren Mitmenschen belogen zu werden, man findet das lustig und nennt das: Aprilscherze. Die meisten dieser Scherze verharren auf eher niedrigem intellektuellem Niveau, so nach dem Motto: Wenn einer aus dem Fenster fällt ist das lustig, wenn zwei aus dem Fenster fallen: sehr lustig. Hauptsächlich dreht es sich darum, uns etwas völlig Absurdes glauben machen zu wollen, und einen Witz auf unsere Kosten zu machen, – das vor allem. Gut, dass dieser Tag an uns vorübergegangen ist, inzwischen.

Das Problem ist nur: Unter dieser Form der Scherze in abgewandelter Form werden wir ein ganzes halbes Jahr lang zu leiden haben, nur geht es dabei nicht um höhere Dinge wie Wechselstrombatterien oder Feilenöl, sondern ganz profan um unsere Zukunft, oder, wenn Sie es pathetisch, patriotisch, solidarisch mögen: Um die Zukunft unseres Landes. Und man nennt das nicht Aprilscherze, sondern Wahlversprechen. Ansonsten gilt für diese besonders infame Form des öffentlichen Lügens aber dasselbe, was ich im vorigen Absatz über die Aprilscherze geschrieben habe.

Ein legendäres Beispiel für die Umsetzung eines Wahlversprechens nach den Bundestagswahlen war die Diskussion um die so genannte „Merkelsteuer“ im vorletzten Wahlkampf, die CDU hatte damals angekündigt, die Mehrwertsteuer um 2 % erhöhen zu wollen, und die SPD versprach lautstark bei allen sich bietenden Gelegenheiten, mit einer SPD-Regierung werde so etwas nie möglich werden. Das Ergebnis ist bekannt, nach der Bundestagswahl wurde die Mehrwertsteuer um 3 % erhöht, der damalige Parteichef der SPD, um eine Selbstbewertung der Glaubwürdigkeit der Wahlversprechen seiner Partei gebeten: Es sei unfair, an dem gemessen zu werden, was man im Wahlkampf gesagt habe. Da seine Nachfolger jetzt wieder sehr viel sagen im Wahlkampf, habe ich mir das einmal gemerkt und bemühe mich ihnen gegenüber um die größtmögliche Fairness, indem ich ihnen kein, aber kein einziges Wort glaube.

Natürlich ist es eine Binsenwahrheit, dass Politiker im Wahlkampf lügen, nicht nur Herr Müntefering und seine Kumpane wissen, dass sie lügen, wir wissen auch, dass wir belogen werden, zumindest die unter uns, die einen einigermaßen klaren Verstand ihr eigen nennen dürfen. Es gibt eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, dass der Wahlkampf als eine Art kollektive Kaffeefahrt gesehen wird, als eine Riesenwerbeveranstaltung, die CDU wäscht weißer als weiß. Also, jetzt nicht in den letzten Jahren, in denen sie an der Macht war, aber demnächst. Und die Politiker versprechen uns auch nur, was wir hören und lesen wollen, – soweit sie uns als ihre Zielgruppe betrachten. Die Politiker halten uns so gesehen nicht für völlig verblödet, sondern für das, was wir sind: Eitel, nur am eigenen Wohlbefinden interessiert, und so tun sie einige Monate so, als nähmen sie uns ernst und hielten uns für wichtig, als nähmen sie unsere Interessen ernst und hielten unser Wohlbefinden für wichtig. Nach der Wahl machen die so genannten Politiker dann wieder das, wofür sie von ihrer Lobby bezahlt werden, und damit meine ich nicht die offizielle Lobby, das sollen laut Gesetzgebung angeblich die Bürger sein.

So lange also alle dieses Spiel mitspielen, ist es relativ harmlos, teilweise sogar amüsant, man bleibt unbeeindruckt angesichts dieses Spektakels und wählt, was man ohnehin wählen wollte. Intelligente Menschen schauen sich nicht an, was eine Partei innerhalb von sechs Monaten ankündigt, sie beurteilen eine Partei nach ihrem Verhalten während der gesamten Legislaturperiode, und da entscheiden sich immer mehr Mitmenschen leider dafür, überhaupt nicht mehr wählen zu gehen. Ich halte das für falsch, die ganz wenigen demokratischen Mittel, die man gelegentlich zur Mitgestaltung hat, sollte man nutzen. Ein Thema für eine andere Kolumne, vielleicht.

Manchmal träumt man ein wenig, ich träume gerne ein wenig, auch von den unwahrscheinlichsten Dingen, und manchmal sind diese Dinge so albern, banal und peinlich, dass ich sie nur hier, vor dem Millionenpublikum meiner Freunde und Ihnen einmal zu äußern wage: Wie wäre es, anstatt einen vollen Tag mit öden Aprilscherzen zu vergeuden, diesen Tag zu nutzen, um unseren Mitmenschen einmal die Wahrheit zu sagen, von: „Ich fand Dich schon immer zum kotzen …“, bis: „Ich habe Dich immer geliebt …“. Oder den ganzen Wahlkampf, sechs Monate, mindestens, nicht mit Lügen und Weghören zu verschwenden, sondern, stellen Sie sich das einmal vor: Steinbrück/Merkel/Konsorten im Fernsehen, bei Anne Will: „Mich öden meine Wähler an, wie simpel muss jemand gestrickt sein, mich zu wählen …“

Ihnen allen einen schönen April, also: einen schönen Wahlkampf, und überhaupt. Und für heute:

Einen guten Tag.