Kolumbus

keinthemaBeitrag zum Kolumnenzyklus  ”Irrtümer” des  Jugendkolumnenteams. Ganz herzlichen Dank für die Einladung.

Irrtümer, schrieb Erich Kästner, haben ihren Wert, doch er ergänzte: Nur hier und da. Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika. Man darf Erich Kästner nur sehr bedingt zitieren, deshalb diese ein wenig umständliche Form der Wiedergabe, die ich zudem für elegant halte.

Nun ist es natürlich schwierig, einmal in Indien angekommen, seine Verirrung einzugestehen, und nicht als der große Kolumbus vor sich selbst und der Öffentlichkeit, oder auch nur der eigenen sozialen Umgebung weiterzuleben: Die Reise war beschwerlich, teuer, dauerte mehrere Jahre, womöglich, – viele flüchten dann unter den warmen Mantel der Rechthaberei, um nicht intellektuell nackt und also frierend dem Spott ausgesetzt zu sein oder auch das mühsamst erworbene Ego in Frage zu stellen oder zerstört zu sehen am Schluss. Anstelle der Erkenntnis, der Entdeckung, tritt dann die Behauptung, die Meinung, die … Ergänzen Sie das bitte selbst.

In der heutigen Zeit des Relativierens von allem und jedem fällt es ziemlich leicht, eine solche Unbelehrbarkeit durchzuhalten bis zur Albernheit: da in Diskussionen immer auch das Gegenteil einer These richtig sein muss, ist man als Dogmatiker auch eines Irrtums immer an seinem Lieblingsort: im Recht. Das Relativieren von Standpunkten verhindert jegliche Entscheidung zu einer Erkenntnis, zu einer Wahrheit, falls Sie pathetische Formulierungen bevorzugen sollten.

Genügt das Relativieren einer These nicht, seine Eigensinnigkeit unbeschadet ausleben zu dürfen, kann sich der Bornierte immer noch in die Religion aller Egoisten flüchten, in die Psychologie, und seelische Kriterien für seinen Standpunkt herbeizaubern: Ich empfinde das so ist ein typischer Schlüsselsatz als Signal für einen folgenden, oder, je nach psychischer Disposition des Rechthabers, als Resultat eines Irrtumes, der umso schwerer zu wiederlegen ist, da man nun einmal nicht weiß, und noch öfter auch gar nicht wissen will, wie diese Emotionen denn nun aussehen könnten in der Analyse.

Noch weniger möchte der intellektuell seriös Argumentierende die Ursachen für eine eben nur Meinung bei den theologisch herumlebenden Mitmenschen wissen, und so antwortet man auf das Lieblingsargument der Theologen: Ihnen fehlt der Glauben, – am besten: Gott sei Dank.

Und nur, weil jemand nicht ständig im Unrecht ist mit seinen Behauptungen, sondern hin und wieder Gedanken als eine Art Gnade in die Dunkelheit seiner Dummheit gespendet erhält, oft Gedanken zudem, deren Anerkennung als Wahrheit sich selbst der größte Blödmann nicht entziehen kann, heißt das im Umkehrschluss oder in der Konklusion eben nicht, dass, beispielsweise, der Naziabschaum Recht hat in der Verteidigung seiner Irrlehren, nur weil Einige von Ihnen wissen, dass die Erde keine Scheibe ist, und aus dieser Tatsache folgern, man müsse jeden ermorden, der keine Glatze trägt und den ganzen Tag besoffen ist.

Ist Ihnen eigentlich noch nicht aufgefallen, dass Sie immer im Recht sind, fragte Tucholsky einmal, und erhielt zur Antwort: Was erlauben Sie sich, ich irre mich ständig, und Tucholsky erwiderte: So rechthaberisch sind manche Menschen …

”Digitale Spießer“ nennt Sascha Lobo in seiner großartigen Kolumne jene Zeitgenossen, die das Internet als Kommunikationsmittel missbrauchen, um ihre Borniertheit aufzudrängen bis zur Penetranz. Das Internet als die moderne Möglichkeit, kein Kolumbus zu sein und trotzdem einer zu bleiben.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne eine angenehme Reise durch die Weltmeere der Erkenntnisse und für heute:

Einen guten Tag.